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Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Bildung und Umbildung organischer Naluren.

Deßhalb geschieht hier ein Vorschlag zu einem anatomischenTypus, zu einem allgemeinen Bilde, worin die Gestaltensämmtlicher Thiere, der Möglichkeit nach, enthalten wären,und wonach man jedes Thier in einer gewissen Ordnung be-schriebe. Tiefer Typus müßte so viel wie möglich in Physio-logischer Rücksicht aufgestellt seyn. Schon aus der allgemeinenIdee eines Typus folgt, daß kein einzelnes Thier als ein solcherVergleichungskansn aufgestellt werden könne: kein Einzelneskann Muster des Ganzen seyn.

Der Mensch, bei seiner hohen organischen Vollkommenheit,darf, eben dieser Vollkommenheit wegen, nicht als Maaßstabder unvollkommenen Thiere aufgestellt werden. Man verfahrevielmehr folgendermaaßen.

Die Erfahrung muß uns vorerst die Theile lehren, die allenThieren gemein sind, und worin diese Theile verschieden sind.Die Idee muß über dem Ganzen walten und auf eine genetischeWeise das allgemeine Bild abziehen. Ist ein solcher Typusauch nur zum Versuch aufgestellt, so können wir die bishergebräuchlichen Vergleichungsarten zur Prüfung desselben sehrwohl benutzen.

Man verglich Thiere unter einander, Thiere zum Menschen,Menschenracen unter einander, die beiden Geschlechter wechsel-seitig, Haupttheile des Körpers, z. B. obere und untere Extre-mitäten, untergeordnete Theile, z. B. einen Wirbelknochen mitden andern.

Alle diese Vergleichnngen können nach aufgestelltem Typusnoch immer stattfinden, nur wird man sie mit besserer Folge undgrößeren Einfluß auf das Ganze der Wissenschaft vornehmen,ja dasjenige, was bisher schon geschehen, beurtheilen und die'-vorgefundenen Beobachtungen an gehörigen Orten einreihen.

Nach aufgebautem Typus verfährt man bei Vergleichungauf doppelte Weise. Erstlich daß man einzelne Thierarten nachdemselben beschreibt. Ist dieses geschehen, so braucht manThier mit Thier nicht mehr zu vergleichen, sondern man hältdie Beschreibungen nur gegen einander, und die Vergleichungmacht sich von selbst. Sodann kann man aber auch einen besondernTheil durch alle Hauptgattungen durch beschreiben, wodurch einebelehrende Vergleichung vollkommen bewirkt wird. Beide Artenvon Monographien müßten jedoch so vollständig als möglichseyn, wenn sie fruchten sollten; besonders zur letzten könntensich mehrere Beobachter vereinigen. Doch müßte man vorerstüber ein allgemeines Schema sich verständigen, worauf dasMechanische der Arbeit durch eine Tabelle befördert werdenkönnte, welche jeder bei seiner Arbeit zu Grunde legte. Und sowäre er gewiß, daß er bei der kleinsten, specialsten Arbeit füralle, für die Wissenschaft gearbeitet hätte. Bei der jetzigenLage der Dinge ist es traurig, daß jeder wieder von vornanfangen muß.

III.

Allgemeinste Darstellung des Typus.

Im Vorhergehenden war eigentlich nur von comparirterAnatomie der Säugethiere gesprochen und von den Mitteln,welche das Studium derselben erleichtern könnten; jetzt aber,da wir die Erbauung des Typus unternehmen, müssen wiruns weiter in der organischen Natur umsehen, weil wir ohneeinen solchen Ueberblick kein allgemeines Bild der Säugethiere

aufstellen könnten, und weil sich dieses Bild, wenn wir beidessen Construction die ganze Natur zu Rathe ziehen, künftig-hin rückwärts dergestalt modificiren läßt, daß auch die Bilderunvollkommener Geschöpfe daraus herzuleiten sind.

Alle einigermaaßen entwickelten Geschöpfe zeigen schon amäußern Gebäude drei Hanptabtheilungen. Man betrachte dievollendeten Jnsecten! Ihr Körper besteht in drei Theilen, welcheverschiedene Lebensfunctionen ausüben, durch ihre Verbindungunter einander und Wirkung auf einander die organische Existenzauf einer hohen Stufe darstellen: diese drei Theile sind dasHaupt, der Mittel- und Hintertheil; die Hülfsorgane findet manunter verschiedenen Umständen an ihnen befestigt.

Das Haupt ist seinem Platze nach immer vorn, ist derVersammlungsort der abgesonderten Sinne und enthält dieregierenden Sinneswerkzeuge in einem oder mehrern Nerven-knoten, die wir Gehirn zu nennen Pflegen, verbunden. Dermittlere Theil enthält die Organe des innern Lebensantriebesund einer immer fortdauernden Bewegung nach außen; dieOrgane des innern Lebensanstoßes sind weniger bedeutend,weil bei diesen Geschöpfen jeder Theil offenbar mit einemeigenen Leben begabt ist. Der hinterste Theil enthält die Organeder Nahrung und Fortpflanzung, so wie der gröbern Ab-sonderung.

Sind nun die benannten drei Theile getrennt und oft nurdurch fadenartige Röhren verbunden, so zeigt dieß einen voll-kommenen Zustand an. Deßhalb ist der Hauptmoment dersuccessiven Raupenverwandlung zum Jnsect eine successiveSeparation der Systeme, welche im Wurm noch unter derallgemeinen Hülle verborgen lagen, sich theilweise in einemunwirksamen, unausgesprochenen Zustand befanden; nun aber,da die Entwickelung geschehen ist, da die letzten besten Kräftefür sich wirken, so ist die freie Bewegung und Thätigkeit desGeschöpfs vorhanden, und durch mannichfaltige Bestimmungund Absonderung der organischen Systeme die Fortpflanzungmöglich.

Bei den vollkommenen Thieren ist das Haupt von derzweiten Abtheilung mehr oder weniger entschieden abgesondert,die dritte aber durch Verlängerung des Rückgrats mit dervordem verbunden und in eine allgemeine Decke gehüllt; daßsie aber durch eine Scheidewand von dem mittlern System derBrust abgetheilt sey, zeigt uns die Zergliederung.

Hülfsorgane hat das Haupt, in sofern sie zur Aneignungder Speisen nöthig sind; sie zeigen sich bald als getheilte Zangen,bald als ein mehr oder weniger verbundenes Kinnladenpaar.

Der mittlere Theil hat bei unvollkommenen Thieren sehrvielfache Hülfsorgane, Füße, Flügel und Flügeldecken; bei denvollkommenen Thieren sind an diesem mittlern Theile auch diemittlern Hülfsorgane, Arme oder Vordersüße, angebracht. DerHintere Theil hat bei den Jnsecten in ihrem entwickelten Zu-stand keine Hülfsorgane, hingegen bei vollkommenen Thieren,wo die beiden Systeme angenähert und zusammengedrängt sind,stehen die letzten Hülfsorgane, Füße genannt, am Hintern Endedes dritten Systems, und so werden wir die Säugethiere durch-gängig gebildet finden. Ihr letzter oder hinterster Theil hatmehr oder weniger noch eine Fortsetzung, den Schwanz, dieaber eigentlich nur als eine Andeutung der Unendlichkeit orga-nischer Existenzen angesehen werden kann.