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Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
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Bildung und Umbildung organischer Naturen.

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Körpern gründlicher bekannt zu werden. Denn wie es zwarlöblich ist, die Mineralien auf den ersten Blick nach ihren äußernKennzeichen zu beurtheilen und zu ordnen, so muß doch dieChemie zu einer tiefen Kenntniß das Beste beitragen.

Beide Wissenschaften aber, die Zergliederung sowohl als dieChemie, haben für diejenigen, die nicht damit vertraut sind, eherein widerliches als anlockendes Ansehen. Bei dieser denkt mansich nur Feuer und Kohlen, gewaltsame Trennung und Mischungder Körper, bei jener nur Messer, Zerstückelung, Fäulniß undeinen ekelhaften Anblick auf ewig getrennter organischer Theile.Doch so verkennt man beide wissenschaftliche Beschäftigungen.Beide üben den Geist ruf mancherlei Art, und wenn die eine,nachdem sie getrennt hat, wirklich wieder verbinden, ja durchdiese Verbindung eine Art von neuem Leben wieder hervor-bringen kann, wie z. B. bei der Gährung geschieht, so kanndie andere zwar nur trennen, sie giebt aber dem menschlichenGeiste Gelegenheit, das Todte mit dem Lebenden, das Abge-sonderte mit dem Zusammenhängenden, das Zerstörte mit demWerdenden zu vergleichen, und eröffnet uns die Tiefen derNatur mehr als jede andere Bemühung und Betrachtung.

Wie nöthig es war, den menschlichen Körper zu zergliedern,um ihn näher kennen zu lernen, sahen die Aerzte nach undnach wohl ein, und immer ging das Zergliedern der Thiereneben dem Zergliedern des Menschen, obschon mit ungleichemSchritte, fort. Theils wurden einzelne Bemerkungen aufge-zeichnet, man verglich gewisse Theile verschiedener Thiere; alleinein übereinstimmendes Ganzes zu sehen blieb nur immer einfrommer Wunsch,' und wird es vielleicht noch lange bleiben.

Sollten wir aber nicht bewogen werden, diesen Wünschen,diesen Hoffnungen der Naturforscher entgegenzugehen, da wirselbst, wenn wir das Ganze nicht aus den Augen verlieren,auf jedem Schritte so viel Befriedigung und selbst Vortheil fürdie Wissenschaft zu erwarten haben?

Wem ist unbekannt, welche Entdeckungen im Körperbau !des Menschen wir der Zootomie schuldig sind? So wären dieMilch- und lymphatischen Gefässe, so wie der Umlauf desBluts vielleicht noch lange unbekannt geblieben, wenn ihr Ent-decker sie nicht zuerst an Thieren bemerkt hätte. Und wie vielesvon Wichtigkeit wird sich nicht auf diesem Wege künftigen Be-obachtern offenbaren!

Denn das Thier zeigt sich als Flügelmann, indem die Ein-fachheit und Einschränkung seines Baues den Charakter deut-licher ausspricht, die einzelnen Theile größer und charakteristischin die Augen fallender sind.

Die menschliche Bildung aus sich selbst kennen zu lernenist anderseits fast unmöglich, weil die Theile derselben in einemeigenen Verhältnisse stehen, weil manches in einander gedrängtund verborgen ist, was bei den Thieren sehr deutlich am Tageliegt, weil dieses und jenes Organ, bei den Thieren sehr ein-fach, bei den Menschen in einer unendlichen Complication oderSnbdivision gefunden wird, so daß niemand zu sagen vermöchte,ob jemals einzelnen Entdeckungen und Bemerkungen ein Ab-schluß werden könne.

Allein noch wäre zu wünschen, daß zu einem schnellernFortschritte der Physiologie im ganzen die Wechselwirkungaller Theile eines lebendigen Körpers sich niemals aus den

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Vinci. 1676. i.

Goethe, Werke. VI.

Augen verlöre; denn bloß allein durch den Begriff, daß ineinem organischen Körper alle Theile auf Einen Theil hin-wirken und jeder auf alle wieder seinen Einfluß ausübe, kön-nen wir nach und nach die Lücken der Physiologie auszufüllenhoffen.

Die Kenntniß der organischen Naturen überhaupt, dieKenntniß der vollkommenem, welche wir im eigentlichen SinnThiere und besonders Säugethiere nennen, der Einblick, wiedie allgemeinen Gesetze bei verschieden beschränkten Naturenwirksam sind, die Einsicht zuletzt, wie der Mensch dergestaltgebaut sey, daß er so viele Eigenschaften und Naturen in sichvereinige und dadurch auch schon Physisch als eine kleine Welt,als ein Repräsentant der übrigen Thiergattungen existirealles dieses kann nur dann am deutlichsten und schönsten ein-gesehen werden, wenn wir nicht, wie bisher leider nur zu oftgeschehen, unsere Betrachtungen von oben herab anstellen undden Menschen im Thiere suchen, sondern wenn wir von untenherauf ansangen und das einfachere Thier im zusammengesetztenMenschen endlich wieder entdecken.

Es ist hierin schon unglaublich viel gethan; allein es liegtso zerstreut, so manche falsche Bemerkungen und Folgemngenverdüstern die wahren und ächten, täglich kommt zu diesemChaos wieder neues Wahre und Falsche hinzu, so daß wederdes Menschen Kräfte, noch sein Leben hinreichen, alles zu son-dern und zu ordnen, wenn wir nicht den Weg, den uns dieNaturhistoriker äußerlich vorgezeichnet, auch bei der Zergliede-rung verfolgen und es möglich machen, das einzelne in über-sehbarer Ordnung zu erkennen, um das Ganze nach Gesetzen,die unserm Geiste gemäß sind, zusammenzubilden.

Was wir zu thun haben, wird uns erleichtert, wenn wirdie Hindernisse betrachten, welche der vergleichenden Anatomiebisher im Wege gestanden.

Da schon beim Bestimmen äußerer Merkmale organischer! Wesen der Naturfreund in einem unendlichen Felde zu thunhat und mit so vielen Schwierigkeiten streitet, da schon dieäußere Kenntniß der vollkommenem Thiere, die über denErdboden verbreitet sind, so viele mühsame Betrachtung erfor-dert und ein immer zubringendes Neues uns zerstreut undängstigt, so konnte der Trieb, auf innere Kenntniß der Ge-schöpfe gleichfalls zu dringen, nicht eher allgemein werden, alsbis eine äußerliche Zusammenstellung weit genug gediehenwar. Inzwischen häuften sich einzelne Beobachtungen, indemman theils absichtlich untersuchte, theils die Erscheinungen, wiesie sich zufällig aufdrangen, festzuhalten wußte; da dieß aberohne Zusammenhang, ohne allgemeine Uebersicht geschah, somußte mancher Irrthum sich einschleichen.

Noch mehr verwirrten sich aber die Beobachtungen, da sieoft einseitig aufgenommen und die Terminologie ohne Rück-sicht auf gleich oder ähnlich gebaute Geschöpfe festgesetzt wurde.So ist durch die Stallmeister, Jäger und Fleischer eine Dis-krepanz in Benennung der äußern und innern Theile derThiere gekommen, die uns noch bis in die besser ordnendeWissenschaft verfolgt.

Wie sehr es an einem Vereinigungspunkte gefehlt, umwelchen man die große Menge Beobachtungen hätte versam-meln können, wird zunächst deutlicher werden.

Auch wird der Philosoph gar bald entdecken, daß sich dieBeobachter selten zu einem Standpunkte erhoben, aus welchem

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