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Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Bildung und Umbildung organischer Naturen

eigenthümlichen Anlage fügt sich dann die äußere Hornschalemit gefälliger Nachgiebigkeit und Zierlichkeit; erst den nochkleinen Hornkern verdeckend, muß sie mit ihm bei dem Wachs-thum sich ausdehnen, da sich denn eine ring - und schuppen-förmige Structur sehen läßt. Diese verschwindet, wie derKern sich wieder zuzuspitzen anfängt; die Hornschale conccn-trirt sich immer mehr, bis sie zuletzt, selbstständig über denKern hinausragend, als consolidirtes organisches Wesen zumAbschluß gelangt.

Hat es nun die Cultur so weit gebracht, so ist nichts na-türlicher, als daß der Landmann, bei sonstiger schöner Gestaltseiner Thiere, auch regelmäßige Bildung der Hörner verlangt.Da nun dieses schone, herkömmliche Wachsthum öfters aus-artet, die Hörner sich ungleich vor-, rückwärts, auch wohlhinab ziehen, so muß einer solchen für Kenner und Liebhaberunangenehmen Bildung möglichst vorgebeugt werden.

Wie dieses zu leisten sey, konnte ich in dem EgerischenKreise bei meinem letzten Aufenthalte bemerken; die Zucht desHornviehs, als des wichtigsten Geschöpfs zum dortigen Feld-bau, war sonst höchst bedeutend, und wird noch immer, be-sonders in einigen Ortschaften, wohl betrieben.

Kommen nun solche Geschöpfe in den Fall, gewissem krank-haften oder unregelmäßigen Wachsthum der Hörner nachzu-geben und den Besitzer mit einer falschen Richtung zu bedrohen,so bedient man sich, um diesem Hauptschmuck seine vollkommeneZierde zu verleihen, einer Maschine, womit die Hörner ge-zügelt werden; dieß ist der gebräuchliche Ausdruck, dieseOperation zu bezeichnen.

Von dieser Maschine so viel. Sie ist von Eisen, auch wohlvon Holz; die eiserne besteht aus zwei Ringen, welche, durchverschiedene Kettenglieder und ein steifes Gelenk verbunden,vermittelst einer Schraube einander genähert oder entferntwerden können; die Ringe, mit etwas Weichem überzogen,legt man an die Hörner, und weiß alsdann durch Zuschraubenund Nachlassen dem Wuchs derselben die beliebige Richtung zugeben. Im Jenaischen Museum ist ein solches Instrumentzu sehen.

Vorläufig aus dem Alterthum: o --amu»

dornn sunt, igui eonvsrss cornun dndent;

laeri, ezuoruin ooruukt terram bis eontrsrti

li'orni, <gui rer.eum eornus dsdent.

llnn. kdilaißzrius zu Virg. Ovoiß. III, 55.

Zweiter Urstier.

182 t.

Wir haben so eben von einem fossilen Stiere gehandelt,der im Frühjahr 1821 in dem Torfmoore bei Haßleben in Thü-ringen ansgestochen worden. In der Mitte des Sommers 1823wurden abermals die Reste eines solchen Geschöpfes entdeckt.Wir schalten den Bericht ein, womit diese nicht sehr bedeuten-den Ueberreste von dem sorgfältigen Beamten eingesendetworden:

Das Gerippe lag 6 Fuß tief auf Thon oder Leeden zer-streut und nicht auf Einem Platze, so daß ich den Umfang von8 l^jFuß angeben kann; wo die Ueberbleibsel vom Kopfe lagen,

war ansichtlich ein eichener Stamm gewesen. Einige aus Thongebrannte Scherben lagen etwa 4 bis 5 Fuß in eben der Tiefedavon; das Gehörn ist zerstochen worden, da es schon in Torf! übergegangen. Die beifolgende Asche und Kohlen wurden in! Tiefungen von 5 Fuß gefunden aus Thon und weißem Sand."

Hiernach wäre also auf eine uralte Zeit einiger Cultur zuschließen, wo man solche ungeheure Geschöpfe zum Opfer ge-bracht hätte; wie denn sogar die vermuthete Eiche auf einenheiligen Platz deuten könnte. Daß der Torf in einer Niede-rung wieder so hoch angewachsen wäre, läßt sich als natur-gemäß ganz wohl zugeben, doch enthalten wir uns aller weitemFolgerungen; vielleicht aber trifft dieses Ereigniß mit andernErfahrungen glücklich zusammen, um in den düstern Regionender Geschichte einen schwachen Schein leuchten zu lassen.

Wer übrigens in dieser Angelegenheit sich völlig aufzuklärendenkt, der schlage Ouvier, koederedes sur les Ossomensfossiles, dloiivelle eeiitiou, Noine IV, p. 150 nach, woer den zweiten Artikel finden wird, der von ausgegrabenenSchädeln handelt, welche dem Ochsengeschlecht anzugehörenscheinen, aber an Größe unsere zahmen Ochsen sehr übertreffen,deren Gehörn auch ganz eine andere Richtung hat.

Betrachtet er dann die eilfte Tafel, wo die Figuren 1, 2,3 und 4 einen Schädel vorstellen, welcher mit dem unsrigenund dem Körteschen vollkommene Aehnlichkeit hat, so würdehierüber nicht viel weiter zu sagen seyn, bis wir hoffentlich dasGlück haben, bei einem Besuch des Herrn d'Alton, von demganzen in Jena aufgestellten Skelett eines solchen UrstierS ge-naue Rechenschaft zu geben. Wobei denn auch über die zunächstan der Stadt Weimar, nicht weniger in der Umgegend, be-sonders im Tuffstein sich findenden fossilen Knochen ein end-licher Abschluß sich ergeben wird.

Vergleichende Knochenlehre.

1821 .

Knochen der Gehörwerkzeuge.

Aeltcre Eintheilung, da man sie als einen Theil (partempetrossin) des Ossis ternpornin beschrieb. Nachtheil dieserMethode. Nachfolgende Eintheilung, als man knrtern petro-snva vom Osss u-inporuru trennte, und als Os pstrosniubeschrieb. Nicht genau genug. Die Natur zeigt uns eine dritteArt, durch die wir, bei der großen Complication der Theile,allein zum deutlichen Begriff kommen können. Nach dieser be-steht das Os petrosura aus zwei besonders zu betrachtenden,in ihrem Wesen höchst verschiedenen Knochen, der Lulln unddem Osse petroso proprie sie ckioencko.

Wir haben das Schlafbcin schon ganz davon separirt, auchdas Hinterhauptsbein schon beschrieben, und fügen die Knochen,welche die Gehörwcrkzeuge enthalten, nunmehr in die zwischendem Schlafbein und dem Hinterhauptsbein befindliche Oeffnung.

Wir unterscheiden hier:

I. Lull» und

II. Os petrosuna.

Sie hängen unter sich zusammen:

n) durch Verwachsung,