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Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Materialien zur Geschichte der Farbenlehre.

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dauerhaft war, sondern auch zugleich mit der Dauer an Schön-heit wuchs.

Bei dieser jedem Zufall preisgegebenen Anfärbung, bei derBequemlichkeit, das Zufällige vorsätzlich zu wiederholen undnachzuahmen, mußte auch die Aufforderung entstehen, die Farbezu entfernen. Durchsichtigkeit und Weiße haben an und für sichschon etwas Edles und Wünschenswerthes. Alle ersten Gläserwaren farbig; ein farbloses Glas mit Absicht darzustellen gelangerst spätern Bemühungen. Wenig Gespinnste, oder was sonstzu Gewändern benutzt werden kann, ist von Anfang weiß; undso mußte man aufmerksam werden auf die entfärbende Kraftdes Lichtes; besonders bei Vermittlung gewisser Feuchtigkeiten.Auch hat man gewiß bald genug den günstigen Bezug einesreinen weißen Grundes zu der darauf zu bringenden Farbe infrühern Zeiten eingesehen.

Die Färberei konnte sich leicht und bequem vervollkommnen.Das Mischen, Sudeln und Manschen ist dem Menschen an-geboren. Schwankendes Tasten und Versuchen ist seine Lust.Alle Arten von Infusionen gehen in Gährnng oder in Fäulnißüber; beide Eigenschaften begünstigen die Farbe in einem ent-gegengesetzten Sinne. Selbst unter einander gemischt und ver-bunden, heben sie die Farbe nicht auf, sondern bedingen sienur. Das Saure und Alkalische in seinem rohesten empirischenVorkommen, in seinen absurdesten Mischungen wurde vonjeher zur Färberei gebraucht, und viele Färberecepte bis ausden heutigen Tag sind lächerlich und zweckwidrig.

Doch konnte, bei geringem Wachsthum der Cultur, baldeine gewisse Absonderung der Materialien, so wie Reinlichkeitund Consequenz stattfinden, und die Technik gewann durchUcberlieserung unendlich. Deßwegen finden wir die Färbereibei Völkern von stationären Sitten auf einem so hohen Gradeder Vollkommenheit bei Aegpptiern, Jndiern, Chinesen.

Stationäre Völker behandeln ihre Technik mit Religion.Ihre Vorarbeit und Vorbereitung der Stoffe ist höchst reinlichund genau, die Bearbeitung stufenweise sehr umständlich. Siegehen mit einer Art von Naturlangsamkeit zu Werke; dadurchbringen sie Fabricate hervor, welche bildungsfähigem, schnellvorschreitenden Nationen unnachahmlich sind.

Nur die technisch höchstgebildeten Völker, wo die Maschinenwieder zu verständigen Organen werden, wo die größte Ge-nauigkeit sich mit der größten Schnelligkeit verbindet, solchereichen an jene hinan und übertreffen sie in vielem. AllesMittlere ist nur eine Art von Pfuscherei, welche eine Concur-renz, sobald sie entsteht, nicht aushalten kann.

Stationäre Völker verfertigen das Werk um sein selbstwillen, aus einem frommen Begriff, unbekümmert um denEffect; gebildete Völker aber müssen auf schnelle, augenblicklicheWirkung rechnen, um Beifall und Geld zu gewinnen.

Der charakteristische Eindruck der verschiedenen Farben wurdegar bald von den Völkern bemerkt, und man kann die verschiedeneAnwendung in diesem Sinne bei der Färberei und der damitverbundenen Weberei, wenigstens manchmal, als absichtlich undaus einer richtigen Empfindung entspringend ansehen.

Und so ist alles, was wir in der frühern Zeit und bei un-gebildeten Völkern bemerken können, praktisch. Das Theo-retische begegnet uns zuerst, indem wir nunmehr zu den gebil-deten Griechen übergehen.

Erste Abtheilung.

Griechen und Römer.

Betrachtungen über Farbenlehre und Farbenbehandlungder Alten.

Wie irgend jemand über einen gewissen Fall denke, wirdman nur erst recht einsehen, wenn man weiß, wie er überhauptgesinnt ist. Dieses gilt, wenn wir die Meinungen über wissen-schaftliche Gegenstände, es sey nun einzelner Menschen oderganzer Schulen und Jahrhunderte, recht eigentlich erkennenwollen. Daher ist die Geschichte der Wissenschaften mit derGeschichte der Philosophie innigst verbunden, a^x eben so auchmit der Geschichte des Lebens und des Charakters der Individuenso wie der Völker.

So begreift sich die Geschichte der Farbenlehre auch nur inGefolg der Geschichte aller Naturwissenschaften; denn zur Ein-sicht in den geringsten Theil ist die Uebersicht des Ganzen nöthig.Auf eine solche Behandlung können wir freilich nur hindeuten;indessen wenn wir unter unsern Materialien manches mit ein-führen, was nicht unmittelbar zum Zwecke zu gehören scheint,so ist ihm doch eigentlich nur deßwegen der Platz gegönnt, uman allgemeine Bezüge zu erinnern, welches in der Geschichteder Farbenlehre um so nothwendiger ist, als sie ihre eigenenSchicksale gehabt hat und auf dem Meere des Wissens bald nurfür kurze Zeit auftaucht, bald wieder auf längere niedersinktund verschwindet.

In wiefern bei der ersten Entwicklung nachsinnender Men-schen mystisch-arithmetische Vorstellungsarten wirklich stattgefun-den, ist schwer zu beurtheilen, da die Documente meistens ver-dächtig sind. Manches andere, was man uns von jenen Ansängengern möchte glauben machen, ist eben so unzuverlässig, undwenige werden uns daher verargen, wenn wir den Blick vonder Wiege so mancher Rationen weg und dahin wenden, wouns eine erfreuliche Jugend entgegenkommt.

Die Griechen, welche zu ihren Naturbstrachtungen ausden Regionen der Poesie herüberkamen, erhielten sich dabeinoch dichterische Eigenschaften. Sie schauten die Gegenständetüchtig und lebendig, und fühlten sich gedrungen, die Gegen-wart lebendig auszusprechen. Suchen sie sich darauf von ihrdurch Reflexion loszuwinden, so kommen sie wie jedermann inVerlegenheit, indem sie die Phänomene für den Verstand zubearbeiten denken. Sinnliches wird aus Sinnlichem erklärt,dasselbe durch dasselbe: sie finden sich in einer Art von Cirkel,und jagen das Unerklärliche immer vor sich her im Kreiseherum.

Der Bezug zu dem Aehnlichen ist das erste Hülfsmittel,wozu sie greifen. Es ist bequem und nützlich, indem dadurchSymbole entstehen, und der Beobachter einen dritten Ortaußerhalb des Gegenstandes findet; aber es ist auch schädlich,indem das, was man ergreifen will, sogleich wieder entwischt,und das, was man gesondert hat, wieder zusammenfließt.

Bei solchen Bemühungen fand man gar bald, daß mannothwendig anssprechen müsse, was im Subject vorgeht, wasfür ein Zustand in dem Betrachtenden und Beobachtendenerregt wird. Hierauf entstand der Trieb, das Aeußere mitdem Innern in der Betrachtung zu vereinen; welches freilich