Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Materialien zur Geschichte der Farbenlehre.

begabte und beglückte keine Mittel finden, ihren wohlein- >gesehenen Wahrheiten Raum zu machen.

Da sich Nuguet jedoch dem rein Wahren nur anzunähernvermag, da ihm eine vollkommene Einsicht abgeht, da er hieund da in Schwanken und Irren geräth, so bedarf man gegenihn einer durchgehenden Nachsicht. Hier muß man einen Schrittweiter gehen, hier ihn suppliren, hier ihn rectificiren. Indemwir diese unterhaltende und übende Bemühung unsern Lesernüberlassen, machen wir nur auf einige Hauptmomente auf-merksam.

In seinem fünften Punkte bemerkt er ganz richtig, daß imprismatischen Bilde Gelb und Blau mehr dem Lichte, Rothund Violett mehr dem Schatten angehörten, daß das Rothesich von dem Schatten entfernt, daß das Violette sich gegen denSchatten bewegt, der ihm unmittelbar begegnet. Freilich ent-steht, nach unserer gegenwärtigen Einsicht, das Rothe, weilsich ein trübes Doppelbild über das Licht, das Violette, weilsich ein trübes Doppelbild über das Dunkle bewegt, und sosprechen wir die nächste Ursache dieser Farbenerscheinung aus;aber wir müssen doch Nuguet zugestehen, daß ihm die noth-wendige Bedingung der Erscheinung vorgeschwebt, daß er aufdasjenige, was dabei vorgeht, besser als einer seiner Vorgängeraufgemerkt.

Sein sechster Punkt enthält die sämmtlichen Elemente derfarbigen Schatten. Hier ist ihm nicht aufgegangen, was dabeiphysiologisch ist; auch hat er nicht einmal die zufälligen Er-scheinungen, welche ihm durch die seiner Camera obscnra gegen-überstehenden Häuser geboten worden, genugsam in wicdcrhol-bare Versuche verwandelt.

Wenn ihni ferner der Versuch mit dem nephritischen Holzenicht gelingen wollen, so scheint uns die Ursache darin zu liegen,daß er kein ächtes erhalten können. Denn eben so ist es unsauch ergangen, ob wir uns gleich aus vielen Apotheken einsogenanntes nephritisches Holz angeschafft haben. An dem Ver-suche , den Kircher und nach ihm andere so deutlich beschreiben,hat man keine Ursache zu zweifeln; allein darin hat Nuguetvöllig Recht, daß er auf mehr als Eine Art an festen und flüs-sigen Mitteln zu wiederholen ist: man darf ihnen nur auf eineoder die andere Weise eine reine Trübe mittheilen, wie wir inunserm Entwurf umständlich angezeigt haben.

Nachdem wir nun am Ende des siebzehnten Jahrhundertsnoch ganz unerwartet ein erfreuliches Wahre hervorblicken sehen,bereiten wir uns zu einem verdrießlichen Durchwandern jenerJrrgänge, aus welchen die Naturforscher des achtzehnten Jahr-hunderts sich herauszufinden weder vermochten noch geneigtwaren.

Fünfte Abtheilung.

Achtzehntes Jahrhundert.

Erste Epoche.

Von Newton bis auf Dollond.

Bisher beschäftigten sich die Glieder mehrerer Nationen mitder Farbenlehre: Jtaliäner, Franzosen, Deutsche und Eng-länder; jetzt haben wir unsern Blick vorzüglich auf die letztere

> Nation zu wenden: denn aus England verbreitet sich eine aus-schließende Theorie über die Welt.

Londoner Societät.

Wenn wir den Zustand der Naturwissenschaften in Englandwährend der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts unsvergegenwärtigen wollen, so ist es für unsere Zwecke hin-reichend, mit flüchtiger Feder Ursprung und Wachsthum derLondoner Akademie darzustellen. Hierzu geben uns hinlänglicheHülfsmittel Sprat, Birch unddiephilosophischenTranS-activ neu. Nach diesen liefern wir eine Skizze der Geschichteder Societät bis auf die Königliche Confirmation, und denUmriß einer Geschichte der Wissenschaften in England, früherer

Zeit-

Thomas Sprat,

geb. ISZ4, g-st. !7i3

Uisiorz. ok tüe Ibozmi kociet)- okLouckon. Die Ausgabevon 1702, deren wir uns bedienen, scheint nicht die erste zuseyn. Das Buch war für den Augenblick geschrieben, undgewiß sogleich gedruckt. Auch ist die Französische Übersetzungschon 1669 zu Genf herausgekommen.

Thomas Sprat, nachmals Bischof, war ein frühzeitigerguter Kopf, ein talentvoller, munterer, leidenschaftlicher Lebe-mann. Er hatte das Glück, als Jüngling von vielen Hoff-nungen, den frühern Versammlungen der Gesellschaft in Oxfordbeizuwohnen, wodurch er also Ursprung und Wachsthum der-selben aus eigener Theilnahme kennen lernte. Als man später-hin etwas über die Societät iu's Publicum bringen wollte,ward er zum Sprecher gewählt, und wahrscheinlich von Olden-burg, der das Amt eines Secretärs bekleidete, mit Nachrichtenund Argumenten versehen. So schrieb er die Geschichte der-selben bis zur Königlichen Confirmation und etwas weiter, mitvielem Geist, guter Laune und Lebhaftigkeit.

Als Schriftsteller betrachtet, finden wir ihn mehr geeignet,die Angelegenheit einer Partei in Broschüren müthig zu ver-fechten — wie er denn sein Vaterland gegen die Zudringlich-keiten eines Französischen Reisenden, Sorbisre, in einemeigenen Bündchen mit großer Heftigkeit zu schützen suchte —als daß er ein Buch zu schreiben fähig gewesen wäre, welchesman für ein bedächtiges Kunstwerk ansprechen könnte. Wersolche Forderungen an ihn macht, wird ihn unbillig beurtheilen,wie es von Montucla geschehen. (Uistoirs ckes Autlrbws-ti^uss. Unris, 1758. kart. IV. luv. 8. ps§. 486. Note ».)

Doch ist aus alle Fälle die erste Hälfte des Buchs sorgfältigergeschrieben, und methodischer geordnet als die zweite; dennleider wird seine Arbeit durch das doppelte große Unglück derSeuche und des Brandes zu London unterbrochen. Von da anscheint das Buch mehr aus dem Stegreife geschrieben, und siehteiner Compilation schon ähnlicher. Doch hat er ein großes Ver-dienst um seine Zeit wie um die Nachwelt.

Denn alle Hindernisse, welche der Societät im Wege stehen,sucht er iu's Klare zu bringen und zu beseitigen; und gewiß hater dazu beigetragen, daß manche Neigung erhöht und manches