Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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NachtrLgc zur Farbenlehre.

geistigen Natursinns, so wie jenen Gang überhaupt für daswahrhaft Wissenschaftliche der Erkenntniß in diesem Felde.

„Bei dem Urphänomen fällt mir die Erzählung ein, dieEw. rc. der Farbenlehre hinzufügen, von der Begegnißnämlich, wie Sie mit Büttners schon die Treppe hinabeilendenPrismen noch die weiße Wand angesehen und nichts gesehenhaben als die weiße Wand. Diese Erzählung hat mir denEingang in die Farbenlehre sehr erleichtert, und so oft ich mitder ganzen Materie zu thun bekomme, sehe ich das Urphänomenvor mir, Ew. rc. mit Büttners Prismen die weiße Wandbetrachten und nichts sehen als Weiß.

„Darf ich Ew. rc. aber nun auch noch von dem besondernInteresse sprechen, welches ein so herausgehobenes Urphänomenfür uns Philosophen hat, daß wir nämlich ein solches Präparat— mit Ew. rc. Erlaubniß geradezu in den philosophischenNutzen verwenden können! — Haben wir nämlich endlich unserzunächst austernhaftes, graues oder ganz schwarzes — wie Siewollen — Absolutes doch gegen Lust und Licht hingearbeitet,daß es desselben begehrlich geworden, so brauchen wir Fenster-stellen, um es vollends an das Licht des Tages herauszuführen;unsere Schemen würden zu Dunst verschweben, wenn wir sieso geradezu in die bunte, verworrene Gesellschaft der wider-hältigen Welt versetzen wollen. Hier kommen uns nun Ew. rc.Urphänomene vortrefflich zu Statten; in diesem Zwielichte,geistig und begreiflich durch seine Einfachheit, sichtlich odergreiflich durch seine Sinnlichkeit, begrüßen sich die beidenWelten, unser Abstruses und das erscheinende Daseyn, einander.

„Wenn ich nun wohl auch finde, daß Ew. rc. das Gebieteines Unerforschlichen und Unbegreiflichen ungefähr eben dahinverlegen, wo wir Hausen — eben dahin, von wo heraus wirIhre Ansichten und Urphänomene rechtfertigen, begreifen, ja,wie man es heißt, beweisen, deduciren, construiren u. s. f.wollen, so weiß ich zugleich, daß Ew. rc., wenn Sie uns ebenkeinen Dank dafür wissen können, uns doch toleranterweise mitdem Ihrigen so nach unserer unschuldigen Art gewähren lassen;es ist doch immer noch nicht das Schlimmste, was Ihnenwiderfahren ist, und ich kann mich darauf verlassen, daßEw. rc. die Art der Menschennatur, daß, wo einer etwasTüchtiges gemacht, die andern herbcirennen und dabei auchetwas von dem Ihrigen wollen gethan haben, zu gut kennen.

„Ich muß noch auf eine der Belehrungen Ew. rc. zurück-kommen, indem ich mich nicht enthalten kaun, Ihnen nochmeine herzliche Freude und Anerkennung über die Ansicht, dieSie über die Natur der doppelt rcfrangirenden Körper gegebenhaben, auszusprechen. Dieses Gegenbild von derselben Sache,einmal als durch äußerliche, mechanische Mittel dargestellt, dasanderem»! eine innere Damastweberei der Natur, ist meinerMeinung nach gewiß einer der schönsten Griffe, die gethanwerden konnten.

Berlin, den 20. Fel-r. 1821.

Hegel."

22 .

Entschuldigendes Nachwort.

Wenn man fleißig ausgearbeitete Bücher, vor einigenhundert Jahren gedruckt, aufschlägt, so kommen uns gewöhnlichmancherlei Enkomien rhythmisch entgegen; der Autor getrautsich nicht allein in's Publikum, nur wohl escortirt und

empfohlen kann er Muth fassen. In der neuern Zeit wagtman sich kühn und zuversichtlich heraus, und überläßt auf gutGlüch seine Production dem Wohlwollen oder Mißwollen derBeurtheilenden.

Nehmen Sie es in diesem Sinne, theurer verehrterFreund, wenn ich nicht säume beikommende Nachernpfehluugeuversprochenermaaßen mitzutheilen. Diese geistreich heitern,durchdringenden, obgleich nicht einem jeden gleich eingänglichenWorte machen Ihnen gewiß Vergnügen um meinet- und derSache willen.

Wenn man so alt geworden ist als ich, und in einem sowürdigen, werthen Unternehmen von den verworrenen Mit-lebenden nur widerwillige Hindernisse erfahren hat, muß cshöchlich freuen, durch einen so wichtigen Mann die Angelegen-heit für chie Zukunft sicher zu sehen; denn außerdem hat einAppell an die Nachwelt immer etwas Tristes.

23.

Aelteste aufmunternde Theilnahme.

„Im Jahre 1795 sandte ich Ew. rc. meinen Versuch überdie Lebenskraft, der zum Theil durch Ihre Schrift über dieMetamorphose der Pflanzen veranlaßt war. Sie reichten mirdafür mit einem Geiste die Hand, der mich unbeschreiblichglücklich machte. Ich müßte Ihnen dine Art von Beichteablegen, wenn ich Ihnen die Ursachen sagen wollte, warumSie nichts weiter von mir hörten. Blieb der Einzelne in derFern: stehen, so müßte die Ursache daran wohl in seiner durchäußere Umstände begünstigten Uuthätigkeit, gewiß am wenigstenin Mangel an Erkenntniß ihres Geistes liegen.

Ihr Buch zur Farbenlehre hat mich ganz wieder er-weckt. Ich möchte es jedem Arzt und Naturforscher als Musterdarbieten, wie Untersuchungen ohne Mischen und Manschengemacht werden sollen! Mein Erwachen soll aber nicht durchLobgeschrei verkündigt werden.

„Es ist in so vielen Punkten meinen Ideen begegnet undhat sie bekräftigt und aufgeklärt; erlauben Sie mir daher, daßich Ihnen einige Erfahrungen und Bemerkungen mittheile,wozu ich um so mehr berechtigt zu seyn glaube, da sie zum Theilan mir selbst und meiner Familie angestellt sind, über IhreAkyanoblepsie. Ich führe mich also Lei Ihnen als einen Akya-uobleps ein, in dessen Unterhaltung man in die größte Ver-wirrung geräth und fürchtet wahnsinnig zu werden. Ich wagees aber bei Ihnen schon darauf hin.

„Sie haben die alte Newtonsche Burg, welche mit gelehr-tem Fleiß und Scharfsinn, aber gewiß ohne Erinnerung andie Platonischen Grundsätze, daß die Aussicht in die Ferne nichtmüsse verbaut werden, aufgebaut war, vollkommen nieder-gerissen. Es mußte einem grauen, wenn man im Dunkelnhincintrat und nur die Vögel der Pallas darin schwirren hörte.In meiner Vorrede zur Lebenskraft sprach ich mein Granen aus,und diese veranlaßte damals den seligen Engel, indem er mirseine Abhandlung über das Licht mit der Versicherung zusandte,daß meine Vorrede dazu Anlaß gegeben habe, mir ein Trost-Wort zuzusprechen, das aber freilich, wie alles Beschwichtigender Kinder im Finstern, nur das Granen vermehrte.

„Mit sorgfältiger Beobachtung der Gränzen für den Natur-forscher haben Sie auf diese heilige Stätte kein neues Gebäudevon Menschenhänden gemacht; der Sänger des Faust und der