Meteorologie.
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In Donnerwettern wüthend sich ergehn,Heerschaaren gleich entrollen und verwehn! —Der Erde thätig-leidendes Geschick! —
Doch mit dem Bilde hebet euern Blick:
Die Rede geht herab; denn sie beschreibt;
Der Geist will aufwärts, wo er ewig bleibt.
Und wenn wir unterschieden haben,Dann müssen wir lebendige GabenDem Abgesonderten wieder verleihenUnd uns eines Folgelebens erfreuen.
So, wenn der Maler, der Poet,
Mit Howards Sondrung wohl vertraut,Des Morgens früh, am Abend spät,
Die Atmosphäre prüfend schaut,
Da läßt er den Charakter gelten;
Doch ihm ertheilen luftige WeltenDas Uebergängliche, das Milde,
Daß er es fasse, fühle, bilde.
Luke Howard an Goethe.
ISA,
Wie sehr mich die Howardsche Wolkenbestimmung an-gezogen, wie sehr mir die Formung des Formlosen, ein gesetz-licher Gestaltenwechsel des Unbegränzten erwünscht seyn mußte,folgt aus meinem ganzen Bestreben in Wissenschaft und Kunst;ich suchte mich von dieser Lehre zu durchdringen, befleißigtemich einer Anwendung derselben zu Hause wie auf Reisen, injeder Jahreszeit und auf bedeutend verschiedenen Barometer-höhen: da fand ich denn durch jene sondernde Terminologieimmer Förderniß, wenn ich sie unter mannichfachen Be-dingungen, im Uebergange und Verschmelzen, studirte. Ichentwarf manches Bild nach der Natur und suchte das Beweg-liche, dem Begriff gemäß, auf Blätter zu fixiren; berief Künstlerdazu, und bin vielleicht bald im Stande, eine Reihe voncharakteristisch befriedigenden Abbildungen zu liefern, wovonbis jetzt ein durchgängiger Mangel bedauert wird.
Indeß bei wachsender Ueberzeugung, daß alles, was durchMenschen geschieht, in ethischem Sinne betrachtet werdenmüsse, der sittliche Werth jedoch nur aus dem Lebensgange zubeurtheilen sey, ersuchte ich einen stets thätigen gefälligenFreund, Herrn Hüttner in London, mir wo möglich, undwären es auch nur die einfachsten Linien, von Howards Lebens-wege zu verschaffen, damit ich erkennte, wie ein solcher Geistsich ausgebildet, welche Gelegenheit, welche Umstände ihn aufPfade geführt, die Natur natürlich anzuschauen, sich ihr zuergeben, ihre Gesetze zu erkennen, und ihr solche naturmenschlichwieder vorzuschreiben.
Meine Strophen zu Howards Ehren waren in Englandübersetzt, und empfahlen sich besonders durch eine aufklärenderhythmische Einleitung: sie wurden durch den Druck bekannt,und also durste ich hoffen, daß irgend ein Wohlwollendermeinen Wünschen begegnen werde.
Dieses ist denn auch über mein Erwarten geschehen, indemich einen eigenhändigen Brief von Luke Howard erhalte, welchereine ausführliche Familien-, Lebens-, Bildungs- und Ge-sinnungsgeschichte, mit der größten Klarheit, Reinheit undOffenheit geschrieben, freundlichst begleitet und mir davonöffentlichen Gebrauch zu machen vergönnt. Es giebt vielleichtkein schöneres Beispiel, welchen Geistern die Natur sich gernoffenbart, mit welchen Gemüthern sie innige Gemeinschaftfortdauernd zu unterhalten geneigt ist.
Gleich beim Empfang dieses liebenswürdigen Documentesward ich unwiderstehlich angezogen, und verschaffte mir durchUebersetzung den schönsten Genuß, den ich nun auch durchnachfolgende Mittheilung auch andern bereiten möchte.
„Der gerühmte Schriftsteller, den ich so zum erstenmalund ohne weitere Ceremonien anspreche, verlangt, wie ichvon seinem Freund in London vernehme, zur Mittheilung andas deutsche Publikum einige Nachricht über denjenigen, welcherden Versuch schrieb über die Wolkenbildung. Daniemand wahrscheinlich so gut vorbereitet ist, dasjenige mitzu-theilen , welches gegenwärtig zu diesem Zwecke dienlich seynmöchte, als ich selbst, und verschiedene Ursachen sich finden,jetzt, wo man es verlangt hat, damit nicht zurückzuhalten, sofüge ich einen Aufsatz bei, welchen ich mir die Freiheit nahm,auf die natürlichste Weise, wie mir scheint, zu schreiben,nämlich in der ersten Person. Da mich jedoch drängende Ge-schäfte und die Nothwendigkeit, Gegenwärtiges morgen abzu-senden, bestürmen, so habe ich der Hand eines nahen Freundesüberlassen, die reine Abschrift meines Manuskriptes zu fertigen.
Tottenham Green, bei London, den 21. des 2. Monats 1822.
„In London ward ich geboren den 28. des 11. Monats(November) 1772, von achtbaren Voreltern. Damit meineich zuerst und vorzüglich, daß mein Vater, Robert Howard,mein Großvater desselbigen Namens, und, wie ich auch nurirgend habe erfahren können, mein Urgroßvater Personen vonRechtlichkeit und ehrwürdig in ihrem Stande waren, alsHandelsleute nämlich und Manufacturiften. Sie waren ver-heirathet an Personen, welche an gleiche Hochachtung Anspruchmachten. Sodann aber soll mein Urgroßvater, GravelyHoward, nach einer Familienüberlieferung, sein Vermögenzu Grunde gerichtet oder auf irgend eine Weise seine Güter, inBerkshire gelegen, verloren haben, indem er sich an die SacheJakobs II. hielt und ihm nach Irland folgte.
„Sein Sohn, Stanley Howard, ward ein Quäckerund ließ sich in England nieder, indem er sich an die Gesell-schaft anschloß, die man nun gewöhnlich mit dem Namen derFreunde bezeichnet. Dadurch erhielten die Beschäftigungenseiner Abkömmlinge eine neue Richtung, wenn sie anders beiseinem Bekenntnisse bleiben wollten: denn die Gesetze derFreunde schließen die Glieder der Gesellschaft vom KriegS-und Kirchenstand aus, und also fast gänzlich von Staatsstellenund Ehren; aber, meines Erachtens, entschädigen sie dieselben,indem sie ihnen mehr Muße und Anlaß geben, solche freiwilligeGeschäfte zu übernehmen, wodurch in diesem Lande vernünftigerFreiheit ein Mann, der das Gemüth dazu hat, im allgemeinen,