Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Meteorologie.

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nur thunlich ist, ausschließlich die neuen Vortheile und Hand-griffe benutzen, die uns im Praktischen bekannt werden. Insolcher Lage, und da wir Sohne haben, die in unsern Stellendereinst folgen sollen, lehnen wir ab, unsere Behandlungs-weife irgend jemand mitzutheilen; dadurch erhalten und fördernwir eine Anstalt, die in der That nützlich und bedeutend fürein Land ist, das zum größten Theil von ihrem Daseyn nichtsweiß. Dabei darf man wohl behaupten, daß selbst die Fort-schritte der chemischen Wissenschaft mehr gefördert als zurück-gehalten worden durch ein solches Betragen, indem wir immer-fort im Stande sind, dem experimentirenden Chemiker ein oderdas andere Material im vollkommenen Zustand zu überliefern.

Gleiche Ursachen mit einem unveränderten Gefallen andem Gegenstände haben meinen Zusammenhang mit derWissenschaft auf den einzigen Zweig der Meteorologie begräuzt.Ich habe neuerlich die Resultate von zehnjährigen Beobachtun-gen geordnet in einem Werk, zwei Bände 8., betitelt: DasKlima von London. Ich sende es nach Weimar undwünsche demselben bei seiner Ankunft eine freundliche Auf-nahme. Darin bin ich so frei mit den Jahreszeiten umgegangenals früher mit den Wolken, und ich darf mir schmeicheln, daßauch hier eine zunehmende Aufmerksamkeit auf den Gegenstanddas Resultat geworden. Es hat eine freundliche Aufnahmegefunden, und seit seiner Erscheinung bin ich als Mitglied derKöniglichen Societät, wohin ich noch andere Aufsätzegesendet habe, vorgeschlagen und aufgenommen worden.

Sollte man hier aber noch zu fragen bewogen seyn, wieich, ohne ein Geschäft, das meine ganz besondere Aufmerksam-keit erfordere und wenig zur Wissenschaft beitrage, wie ich eseinrichte, meine Zeit zuzubringen: so könnte ich wohl ver-schiedene Ursachen meiner Unthätigkeit anführen, noch außereiner schwachen Gesundheit, wovon schon die Rede war.

Ich bin nämlich ein Mann von häuslichen Gewohnheiten,glücklich in meiner Familie und mit wenigen Freunden, dieich nur mit Widerstreben für andere Cirkel verlasse. Und hierscheint mir der Ort zu gedenken, daß ich 1796 in den verehe-lichten Stand trat mit Maria bella, Tochter von JohannEliot von London, einem Ehrenmanne, Mitglied der Gesell-schaft der Freunde. Wir haben fünf lebende Kinder, dreiSöhne und zwei Töchter, wovon das älteste nahe einund-zwanzig Jahre zählt; sie sind alle bis daher zu Hause erzogenund in der Nachbarschaft, daß die Periode ihres Herauwachiensuns eine Quelle vou Vergnügen und wechselseitigem Lieber-werden seyn mußte, welches meinen eigenen guten Elternfehlte, da ihre Kinder so weit umher vertheilt waren; unddennoch bin ich sehr viel im Leben der Sorge und dem Schutzeines trefflichen Vaters schuldig geworden.

Da nun aber der Mann so deutlich vor Dir steht, sodarf ich wohl auch mit Einemmal die wahre Ursache aussprechen,warum er vergleichungsweise unfruchtbar für die Wissenschaftist, zugleich aber die Quelle seiner größten Schmerzen undhöchsten Vergnügungen aufdecken. Mit Einem Wort nun: erist ein Christ, und der praktische Sinn, in welchem er seineReligion erfaßt, vergönnt ihm in der That nur wenig Zeitfür ihn selbst.

Ich bitte, mein Freund, nicht zu stutzen, als wenn etwasEnthusiastisches folgen sollte; ich versuche vielmehr, michdeutlich zu machen. Christenthum ist bei mir nicht eine Anzahl

Begriffe, worüber mau speculiren könnte, oder eine Reihevon Ceremonien, womit man sein Gewissen beschwichtigt,wenn man auch sonst an Handlungen nichts Gutes auszuweisenhätte; es ist kein System, durch Gewalt vorgeschrieben, durchmenschliche Gesetze bekräftigt, zu dessen Bekenntniß man anderedurch Zwang nöthigen oder sie durch Kunst anlocken könnte, esist vielmehr der gerade reine Weg zum Frieden der Seele, zurGlückseligkeit, vorgezeichnet in der Schrift, besonders im meuenTestament, es ist die Methode, wodurch der Mensch, welcherdurch Sündigen ein Feind Gottes geworden ist, nach redlichemBereuen ihm wieder versöhnt wird durch Jesus Christus,dessen Opfer und Vermittlung; sodann aber, solcher Weisedurch ihn erlös't, an ihn glaubend, fähig wird, dem in«wohnenden Bösen zu widerstehen, aufgelegt zu guten Werken,durch geheime Hülfe und Einfluß des heiligen Gottesgeistes.

Betrachte ich nun meine Religion in diesem Lichte undfühle nach dieser Weise, daß sie Gesetz meines Lebens undmeiner Neigungen geworden, so kann ich mich nicht entschließen,um mein selbst willen zu leben, da die Freuden jenes Lebens-laufes zehnfach größer sind als alles, was mir sonst angebotenwerden könnte.

Auszubreiten daher gute Grundsätze, Moralität zu beför-dern und sorgfältige Erziehung der Jugend, auf Erhaltung derOrdnung und Disciplin der Gesellschaft der Freunde, zuBeilegung aller Streitigkeiten mitzuwirken, zu Auferbauungder Bedrängten an Leib und Seele beizutragen, dieß ist dieNatur meines Bestrebens und der Vereine, welchen ich nunherkömmlich angehöre.

Da ich nun auch einige Leichtigkeit der Feder erworbenhabe, bin ich zufrieden, ^ie oft in solchen Diensten zu benutzen,woher weder Ruhm noch Vortheil entspringen kann, und wobeiwahrscheinlich die auf diese Weise entstandenen Hefte nach we-nigen Jahren keinem gewissen Autor mehr zuzuschreiben sind.

Bin ich deßhalb ein Zchor nach Goethes Schätzung? Ichglaube nicht. Denn so gewiß als die gegenwärtige Welt wirklichist, so gewiß wird nach diesem auch eine seyn, wo jeder gerichtetwerden wird nach den Thaten, die er hier gethan hat. Aufdieser Zukunft beruhen meine Hoffnungen, und daraus fließtdie mäßige Schätzung des Gegenwärtigen, versichert, daß,wenn ich bis an's Ende verharre, ich meinen Lohn empfangenwerde.

Da ich nun recht gut weiß, daß die Welt in jedem andernCharakter mich wohl entbehren kann, so bin ich zufrieden, darinmeistentheils als Christ beschäftigt zu seyn. Die Wissenschaftwird ohnehin vorwärts gehen (denn es finden sich viele Arbeiter);die nützlichen Künste werden sich der Vollkommenheit nähern(die schädlichen, denke ich, sind schon ganz daran, ihren Meri-dian zu verlassen); das Menschengeschlecht wird zunehmen, dieErde bevölkert werden, wie sich es gegenwärtig nicht wohl vonihr behaupten läßt, und indessen Geschlechter vorwärts gehen,wird der Verstand der Menschen erleuchteter werden, und der,so die Welt regiert, wird nicht zugeben, daß ihre Herzen ver-dorben bleiben. Nein, die Christliche Religion, in aufrichtigerAusübung, wird sich über die Nationen verbreiten und der Zu-stand der Menschen überhaupt verbessert werden. Theilweise istdieß schon auf einen unberechenbaren Grad geschehen, sowohlim sittlichen als bürgerlichen Sinne; Kriege werden aufhörenmit andrem erniedrigenden Aberglauben und verderblichen