Zur Naturwisseuschaft nn allgemeinen.
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Sie hat keine Sprache noch Rede, aber sie schafft Zungenund Herzen, durch die sie fühlt und spricht.
Ihre Krone ist die Liebe: nur durch sie kommt man ihrnahe. Sie macht Klüfte zwischen allen Wesen, und alles willsie verschlingen. Sie hat alles isolirt, um alles zusammenzu-ziehen. Durch ein paar Züge aus dem Becher der Liebe hältsie für ein Leben voll Mühe schadlos.
Sie ist alles. Sie belohnt sich selbst und bestraft sich selbst,erfreut und quält sich selbst. Sie ist rauh und gelinde, lieblichund schrecklich, kraftlos und allgewaltig. Alles ist immer dain ihr. Vergangenheit und Zukunft kennt sie nicht. Gegen-wart ist ihr Ewigkeit. Sie ist gütig. Ich preise sie mit allenihren Werken. Sie ist weise und still. Man reißt ihr keineErklärung vom Leibe, trutzt ihr kein Geschenk ab, das sie nichtfreiwillig giebt. Sie ist listig, aber zu gutem Ziele und ambesten ist's ihre List nicht zu merken.
Sie ist ganz, und doch immer unvollendet. So wie sie'streibt, kann sie's immer treiben.
Jeden: erscheint sie in einer eigenen Gestalt. Sie verbirgtsich in taufend Namen und Termcn, und ist immer dieselbe.
Sie hat mich hereingestellt, sie wird mich auch herausführen.Ich vertraue mich ihr. Sie mag mit mir schalten; sie wirdihr Werk nicht hassen. Ich sprach nicht von ihr; nein, waswahr ist und was falsch ist, alles hat sie gesprochen. Alles istihre Schuld, alles ist ihr Verdienst.
Der Versuch, als Vermittler von Object und Subject.
1793 .
Sobald der Mensch die Gegenstände um sich her gewahrwird, betrachtet er sie in Bezug auf sich selbst; und mit Recht:denn es hängt sein ganzes Schicksal davon ab, ob sie ihm ge-fallen oder mißfallen, ob sie ihn anziehen oder abstoßen, ob sieihm nutzen oder schaden. Diese ganz natürliche Art, dieSachen anzusehen und zu beurtheilen, scheint so leicht zu sehn,als sie nothwendig ist, und doch ist der Mensch dabei tausendIrrthümern ausgesetzt, die ihn oft beschämen und ihm das Lebenverbittern.
Ein weit schwereres Tagewerk übernehmen diejenigen,deren lebhafter Trieb nach Kenntniß die Gegenstände derNatur an sich selbst und in ihren Verhältnissen unter einanderzu beobachten strebt: denn sie vermissen bald den Maaßstab,der ihnen zu Hülfe kam, wenn sie als Menschen die Dinge inBezug auf sich betrachteten. Es fehlt ihnen der Maaßstab desGefallens und Mißfallens, des Anziehens und Abstoßens, desNutzens und Schadens; diesem sollen sie ganz entsagen, siesollen als gleichgültige und gleichsam göttliche Wesen suchenund untersuchen, was ist, und nicht was behagt. So soll denächten Botaniker weder die Schönheit noch die Nutzbarkeit derPflanzen rühren, er soll ihre Bildung, ihr Verhältniß zu demübrigen Pflanzenreiche untersuchen; und wie sie alle von derSonne hervorgelockt und beschienen werden, so soll er miteinem gleichen ruhigen Blicke sie alle ansehen und übersehen,und den Maaßstab zu dieser Erkenntniß, die Data der Beur-theilung nicht aus sich, sondern aus dem Kreise der Dingenehmen, die er beobachtet.
Sobald wir einen Gegenstand in Beziehung auf sich selbst
Goethe, Werke. Vl.
und in Verhältniß mit andern betrachten, und denselben nichtunmittelbar entweder begehren oder verabscheuen, so werdenwir nnt einer ruhigen Aufmerksamkeit uns bald von ihm, seinenTheilen, seinen Verhältnissen einen ziemlich deutlichen Begriffmachen können. Je weiter wir diese Betrachtungen fortsetzen,je mehr wir Gegenstände unter einander verknüpfen, destomehr üben wir die Beobachtungsgabe, die in uns ist. Wissenwir in Handlungen diese Erkenntnisse auf uns zu beziehen, soverdienen wir klug genannt zu werden. Für einen jeden wohl-organisirten Menschen, der entweder von Natur mäßig ist oderdurch die Umstände mäßig eingeschränkt wird, ist die Klugheitkeine schwere Sache; denn das Leben weis't uns bei jedemSchritte zurecht. Allein/wenn der Beobachter eben diese scharfeUrtheilskraft zur Prüfung geheimer Naturverhältnisse an-wenden, wenn er in einer Welt, in der er gleichsam allein ist,auf seine eigenen Tritte und Schritte Acht geben, sich vor jederUebereilung hüten, seinen Zweck stets in Augen haben soll,ohne doch selbst aus dem Wege irgend einen nützlichen oderschädlichen Umstand unbemerkt vorbeizulassen; wenn er auchda, wo er von niemand so leicht controlirt werden kann, seineigener strengster Beobachter seyn, und bei seinen eifrigstenBemühungen immer gegen sich selbst mißtrauisch seyn soll: sosieht wohl jeder, wie streng diese Forderungen sind, und wiewenig man hoffen kann, sie ganz erfüllt zu sehen, man mag sienun an andere oder an sich machen. Doch müssen uns dieseSchwierigkeiten, ja man darf wohl sagen, diese hypothetischeUnmöglichkeit, nicht abhalten, das Möglichste zu thun, undwir werden wenigstens am weitesten kommen, wenn wir unsdie Mittel im allgemeinen zu vergegenwärtigen suchen, wodurchvorzügliche Menschen die Wissenschaften zu erweitern gewußthaben, wenn wir die Abwege genau bezeichnen, auf welchensie sich verirrt, und auf welchen ihnen manchmal Jahrhunderteeine große Anzahl von Schülern folgten, bis spätere Erfahrungenerst wieder den Beobachter auf den rechten Weg einleiteten.
Daß die Erfahrung, wie in allem, was der Mensch unter-nimmt, so auch in der Naturlehre, von der ich gegenwärtigvorzüglich spreche, den größten Einfluß haben solle, wird nie-mand leugnen, so wenig als man den Seelenkräften, in welchendiese Erfahrungen aufgefaßt, zusammengenommen, geordnetund ausgebildet werden, ihre hohe und gleichsam schöpferischunabhängige Kraft absprechen wird. Allein wie diese Er-fahrungen zu machen und wie sie zu nutzen, wie unsere Kräfteauszubilden und zu brauchen, das kann weder so allgemein be-kannt noch anerkannt seyn.
Sobald Menschen von scharfen, frischen Sinnen auf Gegen-stände aufmerksam gemacht werden, findet man sie zu Beob-achtungen so geneigt als geschickt. Ich habe dieses oft bemerkenkönnen, seitdem ich die Lehre des Lichtes und der Farben mitEifer behandle, und wie es zu geschehen Pflegt, mich auch mitPersonen, denen solche Betrachtungen sonst fremd sind, vondem, was mich so eben sehr intereffirt, unterhalte. Sobald ihreAufmerksamkeit nur rege war, bemerkten sie Phänomene, dieich theils nicht gekannt theils übersehen hatte, und berichtigtendadurch gar oft eine zu voreilig gefaßte Idee, ja gaben mirAnlaß, schnellere Schritte zu thun, und aus der Einschränkungherauszutreten, in welcher uns eine mühsame Untersuchung oftgefangen hält.
Es gilt also auch hier, was bei so vielen andern menschlichen
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