Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Zur N.'.turwissenschast im allgemeinen.

Witz und Einbildungskraft auf einen Punkt zusammengeführt,und der Schein eines Rechts oder Unrechts, eines Wahren oderFalschen überraschend genug hervorgebracht werden. Eben sokann man, zu Gunsten einer Hypothese oder Theorie, die ein-zelnen Versuchs gleich Argumenten zusammenstellen und einenBeweis führen, der mehr oder weniger blendet.

Wem es dagegen zu thun ist, mit sich selbst und andernredlich zu Werke zu gehen, der wird auf das sorgfältigste dieeinzelnen Versuche durcharbeiten, und so die Erfahrungen derHähern Art auszubilden suchen. Diese lassen sich durch kurzeund faßliche Sätze aussprechen, neben einander stellen und wiesie nach und nach ausgebildet worden, können sie geordnet undin ein solches Verhältniß gebracht werden, daß sie so gut alsmathematische Sätze, entweder einzeln oder zusammenge-nommen , unerschütterlich stehen.

Die Elem ent e dieser Erfahrungen der Hähern Art, welchesviele einzelne Versuche sind, können alsdann von jedem untersuchtund geprüft werden, und es ist nicht schwer zu beurtheilen, obdie vielen einzelnen Theile durch einen allgemeinen Satz aus-gesprochen werden können? denn hier findet keine Willkür statt.

Bei der andern Methode aber, wo wir irgend etwas, daswir behaupten, durch isolirte Versuche, gleichsam als durchArgumente, beweisen wollen, wird das Urtheil öfters nurerschlichen, wenn es nicht gar in Zweifel stehen bleibt. Hatman aber eine Reihe Erfahrungen der Hähern Art zusammen-gebracht, so übe sich alsdann der Verstand, die Einbildungs-kraft, der Witz an denselben, wie sie nur mögen, es wird nichtschädlich, ja es wird nützlich seyn. Jene erste Arbeit kann nichtsorgfältig, emsig, streng, ja pedantisch genug vorgenommenwerden; denn sie wird für Welt und Nachwelt unternommen.Aber diese Materialien müssen in Reihen geordnet und nieder-gelegt seyn, nicht auf eine hypothetische Weise zusammengestellt,nicht zu einer systematischen Form verwendet. Es steht alsdanneinem jeden frei, sie nach seiner Art zu verbinden und einGanzes daraus zu bilden, das der menschlichen Vorstellungs-art überhaupt mehr oder weniger bequem und angenehm sey.Auf diese Weise wird unterschieden, was zu unterscheiden ist,und man kann die Sammlung von Erfahrungen viel schnellerund reiner vermehren, als wenn man die spätern Versuche,wie Steine, die nach einem geendigten Bau herbeigeschafftwerden, unbenutzt bei Seite legen muß.

Die Meinung der vorzüglichsten Männer und ihr Beispielläßt mich hoffen, daß ich auf dem rechten Wege sey, und ichwünsche, daß mit dieser Erklärung meine Freunde zufriedenseyn mögen, die mich manchmal fragen, was denn eigentlichbei meinen optischen Bemühungen meine Absicht sey? MeineAbsicht ist, alle Erfahrungen in diesem Fache zu sammeln, alleVersuche selbst anzustellen und sie durch ihre größte Mannich-faltigkeit durchzuführen, wodurch sie denn auch leicht nachzu-machen und nicht aus dem Gesichtskreise so vieler Menschen hin«ausgerückt sind, sodann die Sätze, in welchen sich die Erfah-rungen von der höhern Gattung aussprechen lasten, aufzustellenund abzuwarten, in wiefern sich auch diese unter ein höheresPrincip rangiren. Sollte indeß die ßinbilduugskraft und derWitz ungeduldig manchmal vorauseilen, so gibt die Verfah-rungsart selbst die Richtung des Punktes an, wohin sie wiederzurückzukehren haben.

Das Zehen in snlijertiver Hinsicht,

von I. Purktnje. 18 lg.

IM.

Den löblichen Gebrauch, bedeutende Schriften gleich zumerstenmal in Gegenwart eines Schreibenden zu lesen undsogleich Auszüge mit Bemerkungen, wie sie im Geist erregtwurden, flüchtig zu dictiren, unterließ ich nicht bei obgenanntemHefte, und brachte cursorisch diese Angelegenheit bis gegendas Ende.

Meinem ersten Vorhaben, ausführlicher hierüber zu werden,muß ich zwar entsagen; den weitläufigen Auszug aus einerSchrift, die gegenwärtig in allen Händen ist, lege ich bei Seiteund führe vom Texte nur an, was Veranlassung zu den nächstenBemerkungen gab, indeß ich noch gar manche, welche nochbedeutende Nacharbeiten gefordert hätten, gleichfalls zurücklasse,in Hoffnung, daß das gegenwärtig Mitgetheilte nicht ohne Wir-kung bleiben werde.

Noch ist zu bemerken, daß die Seitenzahl immer eine Stelledes Textes ankündige, in Klammern aber meine Bemerkungeneingeschlossen sind.

S. 7. Jeder Sinn kann durch Beobachtung und Experi-mente sowohl in seinem Eigenleben als in seiner eigenthüm-lichen Reaction gegen die Außenwelt aufgefaßt und dargestelltwerden, jeder ist gewisserstiaaßen ein Individuum; daher dieSpecificität, das zugleich Fremde und Eigene in den Empfin-dungen.

sDas Anerkennen eines Neben-, Mit- und Jneinander-seyns und Wirkens verwandter lebendiger Wesen leitet uns beijeder Betrachtung des Organismus und erleuchtet den Stufen-weg vom Unvollkommenen zum Vollkommenen. Die wunder-same Erfahrung, daß ein Sinn an die Stelle des andern ein-rücken und den entbehrten vertreten könne, wird uns einenaturgemäße Erscheinung, und das innigste Geflecht der ver-schiedensten Systeme hört auf, als Labyrinth den Geist zu ver«wirren.j

Der einzige Weg in dieser Forschung ist strenge sinnlicheAbstraction und Experimente am eigenen Organismus. Beidesind wichtige Zweige der physikalischen Kunst überhaupt undfordern eine eigene Richtung der Aufmerksamkeit, eine eigeneund methodische Folge von Abhärtungen, Uebungen und Fer-tigkeiten. Es gibt Gegenstände der Raturforschnng, die nurauf diesem Wege eruirt werden können, von denen wir außer-dem kaum eine Ahnung hätten.

fWir wünschen dem Verfasser Glück, daß er die Dispo-sition, dieses Geschäft zu unternehmen und auf den hohen Graddurchzuführen, von der Natur empfangen, und erfreuen unsan der Versicherung, daß diese anhaltenden und bedenklichenVersuche seinem Organ keineswegs geschadet, und daß erauch im ethischen Sinne sich auf alle Weise diesem Unternehmengewachsen erzeigt. „Man muß tüchtig geboren seyn, um ohneKränklichkeit auf sein Inneres zurückzugehen." GesundesHineinblicken in sich selbst, ohne sich zu untergraben, nicht mitWahn und Fabelei, sondern mit reinem Schauen in die uner-forschte Tiefe sich wagen, ist eine seltene Gabe, aber auch dieResultate solcher Forschung für Welt und Wissenschaft ein