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Zur Nalurwiffenschaft Im allgemeinen
hervor, als mein Verhältniß zu Schiller sich belebte. UnsereGespräche waren durchaus produktiv oder theoretisch, gewöhn-lich beides zugleich: er predigte das Evangelium der Freiheit,ich wollte die Rechte der Natur nicht verkürzt wissen. Ausfreundschaftlicher Neigung gegen mich, vielleicht mehr als auseigener Ueberzeugung, behandelte er in den ästhetischenBriefen die gute Mutter nicht mit jenen harten Ausdrücken,die mir den Aufsatz über Anmuth und Würde so verhaßtgemacht hatten. Weil ich aber, von meiner Seite hartnäckigund eigensinnig, die Vorzüge der Griechischen Dichtungsart,der darauf gegründeten und von dort herkömmlichen Poesienicht allein hervorhob, sondern sogar ausschließlich diese Weisefür die einzig rechte und wünschenswerthe gelten ließ, so warder zu schärferm Nachdenken genöthigt, und eben diesem Con-flict verdanken wir den Aufsatz über naive und sentimen-tal i s ch e D i ch t u n g. Beide Dichtungsweisen sollten sich be-quemen, einander gegenüberstehend, sich Wechselsweise gleichenRang zu vergönnen.
Er legte hierdurch den ersten Grund zur ganzen neuenAesthetik; denn Hellenisch und Romantisch, und wassonst noch für Synonymen mochten aufgefunden werden, lassensich alle dorthin zurückführen, wo vom Uebergewicht reelleroder ideeller Behandlung zuerst die Rede war.
Und so gewöhnte ich mich nach und nach au eine Sprache,die mir völlig fremd gewesen, und in die ich mich um destoleichter finden konnte, als ich durch die höhere Vorstellung vonKnust und Wissenschaft, welche sie begünstigte, mir selbst vor-nehmer und reicher dünken mochte, da wir andern vorher unsvon den Popularphilosophen und von einer andern Art Philo-sophen , der ich keinen Namen zu geben weiß, gar unwürdigmußten behandeln lassen.
Weitere Fortschritte verdanke ich besonders Niethammer,der mit freundlichster Beharrlichkeit mir die Haupträthsel zuentsiegeln, die einzelnen Begriffe und Ausdrücke zu entwickelnund zu erklären trachtete. Was ich gleichzeitig und späterhinFichte, Schelling, Hegel, den Gebrüdern von Hum-boldt und Schlegel schuldig geworden, möchte künftig dank-bar zu entwickeln seyn, wenn mir gegönnt wäre, jene für michso bedeutende Epoche, das letzte Zehnt des vergangenen Jahr-hunderts, von meinem Standpunkte aus, wo nicht darzustellen,doch anzudeuten, zu entwerfen.
Anschauende tlrtheilskraft.
Als ich die Kantische Lehre wo nicht zu durchdringen, dochmöglichst zu nutzen suchte, wollte mir manchmal dünken, derköstliche Mann verfahre schalkhaft ironisch, indem er bald dasErkenntnißvermögen auf's engste einzuschränken bemüht schien,bald über die Gränzen, die er selbst gezogen hatte, mit einemSeitenwink hinansdentete. Er mochte freilich bemerkt haben,wie anmaßend und naseweise der Mensch verfährt, wenn erbehaglich, mit wenigen Erfahrungen ausgerüstet, sogleich un-besonnen abspricht, und voreilig etwas festzusetzen, eine Grille,die ihm durch's Gehirn läuft, den Gegenständen aufzuheftentrachtet. Deßwegen beschränkt unser Meister seinen Denkendenauf eine reflectirende, discursive Urtheilskraft, untersagt ihmeine bestimmende ganz und gar. Sodann aber, nachdem er >
uns genugsam in die Enge getrieben, ja zur Verzweiflung ge-bracht, entschließt er sich zn den liberalsten Aeußerungen, undüberläßt uns, welchen Gebrauch wir von der Freiheit machenwollen, die er einigermaaßen zugesteht. In diesem Sinne warmir folgende Stelle höchst bedeutend:
„Wir können uns einen Verstand denken, der, weil ernicht wie der unsrige discursiv, sondern intuitiv ist, vom syn-thetisch Allgemeinen, der Anschauung eines Ganzen, alseines solchen, zum Besondern geht, das ist, von dem Ganzenzu den Theilen. — Hierbei ist gar nicht nöthig zu beweisen,daß ein solcher ii>teitectu8 srolistxpus möglich sey, sondernnur daß wir in der Dagegenhaltung unseres discursiven, derBilder bedürftigen Verstandes (intelleetus eet^pus) und derZufälligkeit einer solchen Beschaffenheit aus jene Idee einesiutsUsetus sroliet^xuo geführt werden, diese auch keinenWiderspruch enthalte."
- Zwar scheint der Verfasser hier aus einen göttlichen Ver-stand zu deuten, allein wenn wir ja im Sittlichen, durchGlauben au Gott, Tugend und Unsterblichkeit, uns in eineobere Region erheben und an das erste Wesen annähern sollen,so dürfte es wohl im Intellektuellen derselbe Fall seyn, daß wiruns durch das Anschauen einer immer schaffenden Natur zurgeistigen Theilnahme an ihren Productionen würdig machten.Hatte ich doch erst unbewußt und aus innerm Trieb auf jenesUrbildliche, Typische rastlos gedrungen, war es mir sogar ge-glückt, eine naturgemäße Darstellung aufzubauen, so konntemich nunmehr nichts weiter verhindern, das Abentheuerder Vernunft, wie es der Alte vom Königsberge selbstnennt, muthig zu bestehen.
Sedelckrn und 'Ergebung.
Wir können bei Betrachtung des Weltgebäudes in seinerweitesten Ausdehnung, in seiner letzten Teilbarkeit uns derVorstellung nicht erwehren, daß dem Ganzen eine Idee zumGrunde liege, wonach Gott in der Natur, die Natur in Gottvon Ewigkeit zu Ewigkeit schaffen und wirken möge. Anschauung,Betrachtung, Nachdenken führen uns näher an jene Geheimnisse.Wir erdreisten uns und wagen auch Ideen; wir bescheiden unsund bilden Begriffe, die analog jenen Uranfängen seyn möchten.
Hier treffen wir nun auf die eigene Schwierigkeit, dienicht immer klar in's Bewußtseyn tritt, daß zwischen Ideeund Erfahrung eine gewisse Kluft befestigt scheint, die zu über-schreiten unsere ganze Kraft sich vergeblich bemüht. Dem-ungeachtet bleibt unser ewiges Bestreben, diesen Hiatus mitVernunft, Verstand, Einbildungskraft, Glauben, Gefühl,Wahn und, wenn wir sonst nichts vermögen, mit Albernheitzu überwinden.
Endlich finden wir, bei redlich fortgesetzten Bemühungen,daß der Philosoph wohl möchte Recht haben, welcher behauptet,daß keine Idee der Erfahrung völlig congruire, aber wohlzngiebt, daß Idee und Erfahrung analog seyn können, jamüssen.
Die Schwierigkeit, Idee und Erfahrung mit einander zuverbinden, erscheint sehr hinderlich bei aller Naturforschung:die Idee ist unabhängig von Raum und Zeit, die Natur-forschung ist in Raum und Zeit beschränkt; daher ist in der