Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Zur Natmwlffciischast im allgemeinen.

einmal zwei Blätter eines Baumes vollkommen gleich sind, soist nicht wohl zu begreifen, was durch ein solches Verfahren aus-gemittelt werden soll. Diese Methode ist eben so ungeschickt zumNachzeichnen wie zum Vergleichen, da das Auge zum Messen derVerhältnisse nur der horizontalen und verticalen Linie bedarf.

„Nicht weniger ungegründet ist die von einem andernNaturforscher ausgesprochene Meinung, daß die Dinge nichtnachzubilden seyen, wie sie erscheinen, sondern wie sie an sichsind. Es ist schwer zu begreifen, was unter dieser Forderungnur verstanden werden soll, da die Rede von Abbildungen ist,die einzig anzuzeigen bestimmt sind, wie man sich die Gegen-stände vorzustellen habe. Was die Dinge außer ihrer Er-scheinung an sich sind, kann nicht wohl ein Gegenstand derbildlichen Darstellung seyn. Sollte aber dadurch gefordertwerden zu zeigen, wie die Dinge in ihrem Zusammenhangeäußerlich und innerlich zugleich betrachtet erscheinen, als seyensie durchsichtig, was auch durch Durchschnitte gezeigt werdenkann: so stände dann auch diese Forderung unserer Methode,die Gegenstände in der Einheit ihres Charakters, von EinemStandpunkte aus betrachtet, zu zeichnen, nicht entgegen.

„Da aber hier die Richtigkeit der Bergleichung die Voll-kommenheit der Zeichnung voraussetzt, ja die Fähigkeit dererstem auf das Vermögen der letztem sich gewissermaaßengründet, so ist jedem Naturforscher die vollständigste Kenntnißvon Licht und Schatten und den Linien- und Luftperspectiveuunerläßlich, da man ohne den vollkommensten Besitz dieserKenntnisse weder richtige mikroskopische Beobachtungen machenkann, indem diese keine Ueberzeugung durch's Getaste gestatten,noch irgend eine Abbildung richtig zu beurtheilen vermag. Dievollkommenste Kenntniß der Gesetze des Sehens, woraus hierdas Wesen der Erscheinungen erkannt wird, und wodurch dieDinge eben so zu unsern Sinnen sprechen, wie sie durch ihreder Außenwelt zugekehrten Sinne sich entwickelt haben, kannin der Naturforschung nicht als eine unwesentliche Aeußerlichkeitbetrachtet und abgelehnt werden, da wir das Innere nur inder äußern Erscheinung aufzufassen vermögen, so wie dagegenauch die höhere Kunst ihr Ziel, der Darstellung Leben zuschaffen, niemals durch bloße Nachahmung der todten Formerreichen kann, wenn sie die Bedeutung der Formen nicht imInnern zu erfassen vermag.

„Um dieser Anforderung auf eine bequeme Weise zu ge-nügen, empfehlen wir im Zeichnen wenig geübten Naturfor-schern für kleine Gegenstände die csnmi-a lucickn, wozu daskleinste Stahlblättchen mit dem besten Erfolg zu gebrauchen ist,für größere Gegenstände die oniners. otsrn. Für große Objecteaber, die sich nur in gewisser Ferne als ein Ganzes übersehenlassen, wäre ein mit Sietzfäden überspannter Rahmen und einmit einem unverrückbaren Absehen besetztes Zeichenbret, aufdem sich die dem Sietzrahmen entsprechenden Quadrate in be-liebiger Größe zum Zeichnen gezogen finden, allen andernVorrichtungen vorzuziehen. Es bedarf wohl kaum der Erwäh-nung, daß hier der Gegenstand vollkommen richtig hinter deinNahmen aufgestellt angenommen wird. Thiere unmittelbarnach dem Leben zu zeichnen, kann nur von geübter Hand unter-nommen werden; weniger Geübten kann ein nach einer Ab-bildung gemachter Entwurf zur bequemern Ausführung nachdem Leben dienen. d'Alton."

Indem nun der Meister ausspricht, was er von sichselbst und seines Gleichen fordert, dabei aber nachsichtig dieJüngern, Heranstrebenden belehrt, und ihnen technische Hülfs-mittel zugesteht, ja empfiehlt, betrachten wir seine beidenneuen Hefte mit abermaliger Bewunderung, und wüßten,wenn wir unsern Beifall in Worte fassen sollten, nur das zuwiederholen, was wir von dem vorigen (S. 86 ff. d. Bds.)ausgesprochen haben.

- Wir sehen hier die Raubthiere und Wiederkäuer eben sobehandelt wie das Riesenfaulthier und hie Dickhäutigen. DerKünstler setzt sich an die Stelle der Natur, und was in diesemFalle noch mehr ist, an die Stelle der Museen, und giebt unsKenntniß von ihren in der Welt weit umher verbreiteten undzerstreuten Schätzen.

Möge doch die Anerkennung so großer Verdienste beiseiner fernern Arbeit dem unermüdeten Manne immer gegen-wärtig seyn!

Das bei den Pachydermen schon eingeführte Gespenst deräußern Gestalt wird auch bei den Wiederkäuern, im höchstenGrad aber bei den fleischfressenden Thieren bedeutend, indemdie Behaarung aller Körpertheile nach ihrem verschiedenstenCharakter ausgedrückt ist, und zugleich als Grund dem Skelettzur Folie dient.

Tief eingreifend in Kunst und Wissenschaft, wird dieseArbeit fortwirken, wie wir denn von vielfachen Betrachtungennur Eine hier berühren.

Schon früher (S. 89) haben wir das Profil des Äthiopi-schen Schweins (d'Altons Pachydermen, lab. XII, ti^. d) inBetrachtung gezogen, und die vorragenden Augenhöhlen, beimonströser Stellung gegen das Hinterhaupt zu, als ein Zeichender Wildheit und Rohheit des Geschöpfes angesehen.

Es geschah dieses bei Gelegenheit, als wir von dem Schädeleines Urstiers zu sprechen hatten, an welchem die Augenkapselnweiter vorspringend und höher hinaufgerückt erschienen als andem größten zahmen Ungarischen Ochsen; einen verwandtenFall brachte uns die bildende Kunst entgegen.

An dem Elginschen Pferdekopf, einem der herrlichstenReste der höchsten Kunstzeit, finden sich die Augen frei hervor-stehend und gegen das Ohr gerückt, wodurch die beiden Sinne,Gesicht und Gehör, unmittelbar zusammen zu wirken scheinen,und das erhabene Geschöpf durch geringe Bewegung sowohlhinter sich zu hören als zu blicken fähig wird. Es sieht so über-mächtig und geisterartig aus, als wenn es gegen die Naturgebildet wäre, und doch, jener Beobachtung gemäß, hat derKünstler eigentlich ein Urpferd geschaffen, mag er solches mitAugen gesehen oder im Geiste verfaßt haben; uns wenigstensscheint es im Sinne der höchsten Poesie und Wirklichkeit dar-gestellt zu seyn.

Das Venezianische verliert wirklich dagegen und geradedadurch, daß das Auge weiter vom Ohr, weiter vom Hinter-haupt abrückt, ob wir gleich nicht so gering von ihm denkenals der Englische Maler Haydon in seiner Oonaxarnisonentre In tßts ä'un ckes ellevsux <Is Venise et In tets cknotievsl «I'lll^iu cku knrtllenon. Lonck. 1818.

Ob seine Behauptung, das Atheniensische Pferd stimme inseinen Haupttheilen mit den ächten Arabischen Racenpferdenzusammen, richtig sey, wünschten wir von Herrn d'Alton, alsdem kompetentesten Richter, bekräftigt zu sehen.