Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Zur Naturwiffenfchast im allgemeinen.

gleiche Weise unterworfen. Nur die Frage sucht er zu beant-worten: Wie bezieht sich das einzelne auf jene ewige, unendlicheAngel, um die sich alles, was ist, zu drehen hat?

Mögen doch beide, Krystallograph und Chemiker, in ihrenBemühungen unablässig fortfahren; jedem Freunde des Wissensund der Wissenschaft steht es denn doch am Ende frei, welchemWirkungskreise er sich hingeben oder was er von dorther fürden seinigen zu nutzen sucht.

Uebrigens könnten wir wohl, halb im Ernst, halb imScherz, die Oryktognofle noch von einer Seite bedrohen, undzwar von der geologischen. Wollte man den Geologen tadeln,welcher aufträte, seine Wissenschaft für selbstständig zu erklären,alle einzelnen Mineralien, ihre Krystallgestalten, so wie ihreübrigen äußerlichen Kennzeichen, ihre innern chemischen Eigen-schaften, und was aus einer solchen Bearbeitung hervorgeht,alles nur in sofern für werth und wichtig zu halten, als sie,auf dem Erdball vorkommend, sich in einer gewissen Folge undunter gewissen Umständen darstellen? Es würde sogar dieseBehandlungsweise, zu der ja schon so vieles vorgearbeitet ist,den verwandten Wissenschaften, in welchen sie jetzt nur als bei-läufig gilt, von großem Vortheil seyn; wie denn ein jeder neuerStandpunkt auch zu neuen Gesichtspunkten befähigt, und aufder Peripherie eines jeden Kreises unendliche zu denken sind,die in gar manchen Beziehungen unter einander stehen.

Alles, was hier gewissermaaßen gelobt und getadelt, ge-wünscht und abgelehnt worden, deutet doch auf das unaufhalt-sam fortschreitende Wirken und Leben des menschlichen Geistes,der sich aber vorzüglich an der That prüfen sollte, wodurch sichdenn erst alles Schwankende und Zweifelhafte zur löblichstenWirklichkeit consolidirt.

III.

Ritter Ciccolini in Rom an Baron von Zach inGenua.

„Dieser Brief, mein Herr Baron, handelt von Aufzeich-nung und Theorie horizontaler Sonnenuhren, welche als derPivot gnomonischer Wissenschaft zu betrachten ist. Ich setzemir zum Hauptzweck, eine Methode wieder frisch zu beleben,die, wx nicht vergessen, doch verlassen worden, ob sie gleich denVorzug verdient vor allen andern, die man in gnomonischenWerken vorträgt.

„Damit man aber jene bessere Methode nach ihrem Werthschätzen lerne, will ich auch die andere vortragen, deren mansich allgemein bedient; ich werde ihre Fehler zeigen, und diesesogar möglichst zu mindern suchen, um wie ich hoffe, deutlichzu machen, daß ungeachtet dieser Verbesserungen ihr die wenigerbekannte Methode vorzuziehen sey, als einfacher, eleganter undleichter anzuwenden. Deßhalb ich denn einen Platz für siewieder zu erobern hoffe in den Abhandlungen über Sonnen-uhren , welche man in der Folge herausgeben wird, und mangiebt deren sehr oft heraus."

Hier sucht nun der Verfasser dasjenige ausführlich zu leisten,was er sich vorgenommen, indem er die Mängel der bestritte-nen Methode weitläufig an den Tag legt, sodann aber mitwenigem das Verfahren, das er begünstigt, vorträgt und sichdarauf im allgemeinen äußert wie folgt.

Man wird nicht leugnen, daß diese Construction sehr ein-fach und selbst sehr zierlich sey, weil sie uns horizontale Sonnen-uhren liefert, durch Vermittlung eines einzigen gleichschenkeligenTriangels, einer symmetrischen, leicht aufzuzeichnenden Figur.Wundern muß ich mich daher, daß mau ihrer in den Abhand-lungen der Gnomonik nicht gedenkt, die in Frankreich undItalien herauskommen, da man in Frankreich oder Englandkurz vor der Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts jene Con-struktion schon erfunden hatte. Wußte man etwa nichts vondiesem schönen Verfahren in Frankreich und Italien? odervernachlässigte man dasselbe? vielleicht weil die großen Analy-tiker des vorigen Jahrhunderts, um die beiden gedachten Linienzu finden und zu beweisen, die analytische Methode anwendetenund dadurch, was leicht war, erschwerten? Leider ist dieß nochimmer der Fehler mehrerer Mathematiker unserer Tage.

„In Werken über die Gnomonik, wie sie vor kurzem her-auskamen, macht man von neuen Theorien Gebrauch, die manvon der analytischen Geometrie entlehnt, ohne zu bemerken,daß man das Einfache durch das Zusammengesetzte zu erklärendenkt. Bei dieser Gelegenheit sage ich mit La Gränze:„Dieß nutzt zu weiter nichts als zur Uebung im Calcul." Undfürwahr dieser großsprecherische Aufwand ist ein unnützer Luxusam falschen Platze. Der Wissenschaft der Gnomonik genügtdie Lehre von der Kugel, der zwei Trigonometrien und derKegelschnitte; durch diese Mittel lös't man alle Probleme diesesGeschäftes. Aber die Mode siegt, und der Mißbrauch, umnicht zu sagen die Thorheit, ist wirklich auf den Gipfel gelangt,und diese Uebertriebenheit dehnt sich unglücklicherweise überalle Wissenschaften aus; die wahren Einsichtigen seufzen undklagen, spotten wohl auch manchmal, wie solches vor kurzemein ausgezeichneter Gelehrter gethan, welcher ein bändereichesWerk eines großen Geometers die Apokalypse derMa-thematiker nannte. Ein anderer Gelehrter, dem ich bei seinerArbeit die Bemerkung machte, daß ein gewisser Uebergangeiner Gleichung in die andere, bei Lösung eines gewissenProblems, mir nicht klar noch zulässig schiene, antwortete mirsehr leichtfertig: „Was wollt Ihr? Ich habe die Schwierigkeitwohl gemerkt, aber die Zeit drängte mich, und da ich sah, daßdie Herren N. N. N. und N. sich in ihren Werken noch größereSprünge erlaubten, so habe ich, um aus der Verlegenheit zukommen, auch einen Lslto mortnlb gewagt."

„Ich für meinen Theil bin kein Feind der Analyse, imGegentheil, ohne gerade an den Rang des Mathematikers An-spruch zu machen, liebe ich sie sehr; und ich werde niemalsirgend jemand rathen, die kleinlichen Methoden des Clavius,des Tacqnet und anderer dieser Art zu befolgen, aber ichwünschte gar sehr, daß alle Mathematiker in ihren Schriftendes Geistes und der Klarheit eines LaGrange sich bedienenmöchten!"

Die vorstehend übersetzte Stelle enthält eine doppelte An-klage des mathematischen Verfahrens; zuerst daß man nichtetwa nur die höhern und complicirtern Formeln im praktischenLeben eintreten lasse, wenn die ersten einfachen nicht hin-reichen, sondern daß man ohne Noth jene statt dieser ein-treten läßt, und dadurch das aufgegebene Geschäft erschwertund verspätet.