Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Zur Naturwiffenschast im allgemeinen.

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die Verdienste dieser Männer anerkannt und genutzt werden,daß die genetische Denkweise, deren sich der Deutsche nuneinmal nicht einschlagen kann, mehr Credit gewinne, so könnenwir uns gewiß von jener Seite einer fortgesetzten theilnehmen-den Mitarbeit erfreuen.

Weimar, >m März 1832.

Erläuterung zu dem aphoristischen Aufsatz,

öic Natur.

Seite 496 dieses Bandes.

Goethe a» den Canzler von Müller.

Jener Aufsatz ist mir vor kurzem aus der brieflichen Ver-lassenschaft der ewig verehrten Herzogin Anna Amalia mit-getheilt worden; er ist von einer wohlbekannten Hand ge-schrieben, deren ich mich in den achtziger Jahren in meinenGeschäften zu bedienen pflegte.

Daß ich diese Betrachtungen verfaßt, kann ich mich factischzwar nicht erinnern, allein sie stimmen mit den Vorstellungenwohl überein, zu denen sich mein Geist damals ausgebildet hatte.Ich möchte die Stufe damaliger Einsicht einen Comparativnennen, der seine Richtung gegen einen noch nicht erreichtenSuperlativ zu äußern gedrängt ist. Man sieht die Neigung zueiner Art von Pantheismus, indem den Welterscheinungenein uncrforschliches, unbedingtes^ humoristisches, sich selbstwidersprechendes Wesen zum Grunde gedacht ist, und mag alsSpiel, dem es bitterer Ernst ist, gar wohl gelten.

Die Erfüllung aber, die ihm fehlt, ist die Anschauung derzwei großen Triebräder aller Natur, der Begriff von Pola-rität und von Steigerung, jene der Materie, in sofernwir sie materiell, diese ihr dagegen, in sofern wir sie geistigdenken, angehörig; jene ist in immerwährendem Anziehen und

j Abstoßen, diese in immerstrebendem Aufsteigen. Weil aber die! Materie nie ohne Geist, der Geist nie ohne Materie existirt undwirksam seyn kann, so vermag auch die Materie sich zu steigern,so wie sich's der Geist nicht nehmen läßt anzuziehen und ab-zustoßen; wie derjenige nur allein zu denken vermag, dergenugsam getrennt hat, um zu verbinden, genugsam verbundenhat, um wieder trennen zu mögen.

In jenen Jahren, wohin gedachter Aufsatz fallen möchte,war ich hauptsächlich mit vergleichender Anatomie beschäftigt,und gab mir 1786 unsägliche Mühe, bei andern an meinerUeberzeugung, dem Menschen dürfe der Zwischeu-knochen nicht abgesprochen werden, Theilnahme zuerregen. Die Wichtigkeit dieser Behauptung wollten selbst sehrgute Köpfe nicht einsehen; die Wichtigkeit leugneten die bestenBeobachter, und ich mußte, wie in so vielen andern Dingen,im Stillen meinen Weg für mich fortgehen.

Die Versatilität der Natur im Pflanzenreiche verfolgte ichunablässig, und es glückte mir, im Jahre 1787 in Sicilien dieMetamorphose der Pflanzen, so im Anschauen wie im Begriff,zu gewinne». Die Metamorphose des Thierreichs lag nahedran, und im Jahre 1790 offenbarte sich mir in Venedig derUrsprung des Schädels aus Wirbelknochen; ich verfolgte nuneifriger die Constrnction des Typus, dictirte das Schema imJahre 1795 an Max Jacobi in Jena, und hatte bald dieFreude, von deutschen Naturforschern mich in diesem Facheabgelöst zu sehen.

Vergegenwärtigt man sich die hohe Ausführung, durchwelche die sämmtlichen Naturerscheinungen nach und nach vordem menschlichen Geiste verkettet worden, und lies't alsdannobigen Aufsatz, von dem wir ausgingen, nochmals mit Be-dacht, so wird man nicht ohne Lächeln jenen Comparativ, wieich ihn nannte, mit dem Superlativ, mit dem hier abgeschlossenwird, vergleichen und eines fünfzigjährigen Fortschreitens sicherfreuen.

Weimar, den 24. Mai 1828.