Band 
I.
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Quintus Fixlein

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vor meiner Veränderung — heute hätt' ich Locheher Fug dazu." Heute speisete er, wie an allenSonn-und Festtagen, beim Metzgermeister Siein-berger, seinem vormaligen Vormund. Fix-lein war gegen ihn das. was gemeine Leute i m -nier, was aber vornehme und philosophische undgefühlvolle selten sind — dankbar: der Menschdankt desto weniger für fremde Geschenke, je ge-neigter er ist, eigne zu machen, und der Freigebigeist selten ein Dankbarer. Meister Sleinbergerhatte als Proviantmeister an den Drahtkäficht derDachstube, worin Fsrlein als Student in Leipzighing, vollgetrückte Freßnäpfchen mit Kanariensut-ter von Geräuchertem, von HausbroL und Sau-erkraut angesteckt. Geld aber war ihm niemalsabzubetteln: es ist bekannt. Laß er oft die bestenKalbhänte zu Stiefelleder für den Quintus, zumGerben gratis schickte; aber die Gerbkosten mußteder Mündel tragen. Als Fixlein kam, würd' ihmwie allemal ein kleineres gemodeltes Tischtuch aufsgrobe gedeckt, — der Großvatersiuhl, ein silbernesBesteck und eine Wsinsuppe gereicht; lauter Auf-wand, der sich, wie der Vormund sagte, nur füreinen Gelehrten schickte, aber für keinen Fleischer.Fixiein aß erst, eh' er entdeckte, daß er Konrektorgeworden. -Mündel, wenn Er (sagte Steinber-ger) das geworden ist: so ists recht gut.— SiehstDu, Eva, jetzt kauf' ich keinen Schwanz von dei-nen Kühen, -- ich muß es gerochen haben." Ersagte seiner Tochter damit, daß er den für dieSchweizerei bestimmten Kaufschilling für das Kon-rektorat verwenden müsse; erstreckte nämlich demMündel allezeit die Aemter-Sxesen vor, zu a 1/2Prozent. Fünfzig Gulden hatt' er dem QuiutnSschon zur Quintns-Werdung geliehen. die richtigverzinset werden mußten; an dem ZinStage aberbekam Fixlein allemal noch Geld heraus, weil erdie Tvckter des Vormundes alle Sonntage nachdem Essen im Rechnen, Schreiben und in derLänderkunde vornehme» mußte. Steinbcrgerfoderte mit Recht von seiner leiblichen achtzehn-jährigen Tochter, daß sie alle Städte wissen sollte,worin er aus seiner Wanderschaft geschlachtet halte;und wen» sie nicht aufpaßte, oder krumm schrieboder falsch subtrahierte: so stand er als akademi-scher Senat und Freischöppe hinter ihren, Stuhlund zackte, jv zu sagen, mit dem Zainhammer sei-ner Faust das im Rückgrat fortgesetzte Gehirn zurKultur mit wenig Schlägen aus. Der sanfteQuintus hätte sie ohnehin nie geprügelt. Deswe-gen hatte sie ihm vielleicht mit einigen Blicke» ihrHerz legiert und testiert. Der alte Fleischer hatte— eben weil seine Frau gestorben war — immermit Grubenlichteru und Stöhrstangen, den Inhaltaller Winkel, die nur im Herze» einer Tochterliegen, ausgeforscht; und hatte daher längst dasgemerkt, — was der Quintus niemals merkte, —daß sie letzter» haben wolle. Mädchen versteckenihren Kummer leichter, als ihre Freuden: heutewar Eva über das Konrektorat ungewöhnlich rothgeworden.

Als sie heute nach dem Essen den Kaffee holte,den der Mündel bis auf den Bodensatz austrinkenmußte — --ich schlage meine Eva todt, wenn sieihn nur anleckt." sagre er: — so sagt' er zu Fix-lein: "Hör Er, H. Mündel, hat Er niemals ein

Auge auf meine Eva geworfen? — Sie kann Ihnleiden und wenn Er sie will, kriegt Er sie, aber wirsind geschiedene Leute: denn ein gelehrter Herrbraucht eine ganze andere." —

„Herr Negimentquartiermeister," sagte. Fixlein(denn diesen Posten bekleidete Sleinberger bei derLandmiliz), --eine solche Partie wäre ohnehin vielzu reich für einen Schulmann." Der Quartier-meister nickte mit dem Kopfe sicbenzigma! undsagte zur wiederkehrenden Eva, iiidi.m er einKrummholz, woran er Kälber ausspreizte undaufhing, vom Gesimse nahm: --bleib stehen! —Höre, willst Du gegenwärtigen Hrn. Konrektor zuDeinem Ehegemahl haben ? " — Ach du großerGott! sagte Eva — --Du magst ihn nun wollenoder nicht," fuhr derMetzger fort: --so schlägtDirDein Vater mit den, Krummholz das Gehirn ein,wenn Du nur an einen gelehrten Herrn denkst —mach' jetzt seinen Kaffee." So war durch LasTrennmesssr des Krummholzes, leicht eine Liebezerschlage», die in einem höhen, Stande durchdieses Dazwischenschlageu mit dem Schwerte nurdesto mehr geschäumet und gegischet hätte.

Fixlein konnte nun zu jeder Stunde So fl. frän-kisch erheben und den pädagogischenNeichsapfel er-greifen, und Koadjutor des Rektors, d. h. Kon-rektor werden. Man kann annehmen, daß es mitden Schulden wie mit den Verhältnissen in derBaukunst ist, von denen Wolf erwies, daß diedie schönsten sind, die sich mit den kleinsten Zahlenausdrücken lassen. Inzwischen griff der Quartier-ineistcr Gelehrten willig unter die Arme: denndie Meinung, daß der Schuldner im zweiunddreißigsten Jahre sterben und daß so dem Tod, alsGläubiger in der erstcnKlasse, die Schuld der Na-tur eher bezahlet werde als andern Kreditoren dieihrigen, diese Meinung nannt' er Viehdummheitund Narretei; er war weder aber- noch rechtgläu-big und handelte nach festen Grundsätzen, die dergemeine Mann weit öfter hat als der prahlendeLiteratuS und der öde weiche Große.

Da ich nur einzele helle Marientage — warmeWalpurgisnächte, — höchstens bunte Nosenwochenaus dem in Alltagschlackeu vererztcn Leben Fixleins,wie Silberakeru scheide uns sie für den Leser poche,schmelze und glätte: so muß ich jetzt mit demBache seine» Lebens gehen, bis an den Kant,te-sountag 17Y2, bevor ich einige Handvoll Gold-körner zur Wäsche in diese biographische Goldhüttetraget, kau». Dieser Sonntag hingegen ist sehrgoldhaltig: man denke nur daran, daß FixleinLoch nicht weiß, (weil die Asche der Kirchenbücherunleserlich ist) ob er da nicht ins zwei und drei-ßigste Jahr einlaufe.

Von Weihnachten bis dahin that er weiter nichts,als daß er Konrektor wurde. Das neue Kathederwar ei» Svnuenaltar, auf dein sich aus der Quin-tus-Asche ein junger Phönix zusammenzog. GroßeVeränderungen verjüngen — in Aemtern, Ehen,Reisen, — weil man das Leben allezeit von derletzten Reooluzivn an datiert, wie die Franzosenvon der ihrigen an. Ein Obrist, der in die We-senleiter der Lueieunetü den Fuß als Korporaleingesetzt hatte, ist fünfmal jünger als ein König,der in seinem Leben nichts weiter war, als ein —Kronprinz.