Friedenpredigt
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um zu schwimmen, brauche man sich nur einzubil-den, daß mans könne.
Wenn eS eine bekannte Klage ist, daß dieneuern Staaten mehr Staatkörper, die altenhingegen Staatseelen sind, welche mehr mit demGeistigen bewegten und verknüpften durch Be-redsamkeit, durch Sitten, durch Musik, nichtdurch hölzerne Räderwerke des Formalismus:so fällt diese Klage auf keinen Staat gerechterund verstärkter als auf den deutschen. Schon imGegensatz gegen die alten unumgewälztenFranzosen,bei denen gerichtliche Beredsamkeit, allgemeineselber die Könige zügelnde Meinung, der schnellauflodernde Enthusiasmus für jede Neuheit, dieBiitz-Gewalt der Bonmots — Leren elektrischdurchschlagende, und oft die Pole umkehrendeWirkung wenigstens für einen jgeistigen Einflußspricht — schon gegen jene früheren Franzosenstanden wir zurück mit unserer politischen Ma-schinenmeisterei. Unsere äußerliche Förmlichkeit —unsere träge Nachäfferei, welche die auswärtigenModepuppen als bestimmende Glieder- und Flü-gelmänner für uns wählte — gewissermaßenunsere außerordentliche» Gesandten und Professo-ren, die weniger gelten als der Orclinurlus —unsere Sessiouzimmer, worin die Köpfe wiedie Bäume im Winter so stehen, daß der frucht-bare eben so aussehen muß wie der unfruchtbare undfolglich umgekehrt — unser politisches Verzichtthunauf jedes Frei-Geistige und unsere Fluchtstrafen ei-nes jeden Schrittes aus dem Marschreglemenk oderder Schrillordnung der Kvllegicn.Schnecken—unserExerzier- und Prügel- und Ält-Jährigkeit-Wesen,das Greise für Veteranen nimmt, blos weißeKöpfe für weise, oder kahle für volle, kürztenAlter-Winter für Krieg-Feuer, als ob ein alterMann nicht weicher gebettet zu werden verdienteals aufs Ehreubette ('): alles dies, was demDeutsche»Reichs k ö rx er so wenig Reichs seelespielt puvlio, espvit clo eorps eingeblase» undwas ihm so sehr alle Einheit des Lebensgefühlsgenommen, daß er wie der Krebs seine rechteSchcere mit der linke» kneipend, Liese als feind-liche voraussetzend absprengte — alles dies, womitsich, was das deutsche Reichskabinet zu einem Mo°dellkabinet von Maschinen macht, und selber dieMaschinengötter wieder zu Maschinen und denStaatherrn zu einem hölzernen Kempele's Schach-spieler, der lebendige Unterthanen auf dem Schach-brete seines Territoriums ruhig hin und widerstellt und zieht — alles, womit wir dem VogelStrauß ähnlich wurden, der zwar einen starkenMagen aber keine Flügel hat: dieses Deutschen-Uebel werden die Beispiele und die Folgen derZeit, und die Nähe und die Einwirkung einer impolitischen Leben so begeisterten Nazion, wie wirim dichtenden, zu brechen dienen.
(*) Sonderbar, daß man für die höher« Krieg-Würden bisher nicht das Kraftaller als die rechte Zeitannahm, indeß doch auf der höchsten ein Alexander,Cäsar, Karl XII., Friedrich II > Napoleon u. s. w.gerade in der Jugend ihre Glanz-Siege schufen: wozunoch kommt, daß diese als Odcrbcfehlhaber doch mehrdie Kraft und Einsicht des Alters nötbig hatten, so wiedie meist nur ausübenden 'lntcrbefehlhabcr mehr die^ Fcucr-Macht der Jugend.
Wenn sonst mancher deutsche Thrvu-Genius,anstatt seinen Geist fortzupflanzen und sein Volksich zum Nebenbuhler zu erziehen, dieses nur zumLastträger und Zeiger seiner Gedanken machte: soging der Staat, wie Pfaffius Terzienuhr, nochfort, sogar noch eine Stunde, nachdem das Ge-wicht abgenommen war; dann stand er. Aberder jetzige Astralgeist und regierende Planet Eurv-pens oder Abend- oder Weststern) will aus seinemGeist Geister machen, und damit Körper nichtblos erschaffen oder bewegen, sondern auch besee-len. Dieses Beispiel wird auf nähern und fer-ner» Wegen auf uns Deutsche herüber wirken,wie Friederich II. auf Joseph H, und wir fangenvielleicht in einem hoher» Sinne, als bisher Oest-reich, das Militair-Jahr von« November an.
Ihr scheltet die Zeit klein ? Folglich sagt ihr,daß sich etwas Großes in derselben gezeigt, wasder Rest zum Zwerg und Thal gemacht. Es ent-steht keine verkleinerte Zeitvhns eine verkleinernde.Die ächt-kleine Zeit ist die Ebene und Stille, diesich in keine Tiefen und Höhen getheilt. Freilichkann eins Zeit sich im Handeln so wenig selberals groß erfinden, als ei» großer Mann sich imUnternehmen einer großen Tbat; wie könnte demetwas groß erscheinen, bers eben vermag und demeS leicht und thulich ist, der aber erst weit hin-ter der Wirklichkeit seine Felsen und Riesen sieht?Zwar kann er sie auch in der Vergangenheit oderGeschichte erblicken; aber der Fall bleibt derselbe,weil diesseits und jenseits der Gegenwart das Idealregiert.
Aber in wie fern gehört dies unter die ver-sprvcbnen Hoffnungen? In sofern : weil jede Kraftzuletzt die fremde stärkt — weil die Wettbahn derKräfte sich aufthut-weil überhaupt der Mensch sicham Menschen ermannt, wie Montaigne schonvvm blosen Anschauen Gesunder zu leben versprach— weil zum Glück die Größe sich zwischen Siegerund Besiegte vertheilte — und weil wir ja keineGriechen sind, sondern Deutsche.
Der Krieg ist die stärkende Eisenkur der Mensch-heit und zwar mehr des Theils, der ihn leidet, alsdes, der ihn führt. Ein Kriegstoß weckt dieKräfte auf, die das lange Nagen der täglichenSorgen durchfrißt. In, Frieden kriecht der Bür-ger so leicht mit weicher Schlaffheit durch unddeckt sich gegen die Gefahren wie gegen die Bom-ben, nur durch Weghebe» des Steinpflasters unddes hohen Dachs und durch Ausbreiten des wei-chen Düngers; aber der Krieg federt den waffen-losen Bürger zum Zweikampfe mit der Ueber-macht und Gesetzlosigkeit heraus, er verlangt jedeMinute ein Männerherz und ei» Männeraugeund verpanzert mit den größer« Gefahren gegen! die kleinern. Da sich die stärkere Tapferkeit nichti im Einrennen und Einschlagen, sondern im Fest-^ halten erweist: so braucht oder erbt sie eben im' Kriege der unbewaffnete Bürger mehr als der be-waffnete, noch abgerechnet, daß jener mehr Schätze