Leben Fibel s.
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weiß es recht gut.» Er meinte aber seine Feder-Saaten.
Plötzlich that er einen Sprung, aus dem wüt-terlichen Romane nnd aus allen Rührungen inseinen eignen, und sagte: "Abends geh' er zurWildmeisterin.» So schnell nach andern an sichzu denken, icheint kühn; aber beneidet Kinder,Wilde und gemeine Stände, welche unbefangendas Herz, das noch am alten Liebe-Pfeile steckt.Loch von einer ander» Seite aufthun und welcheschnell von eigner und fremder Rührung auf dasGleichgültigste springen. I» uns verfeinertenStänden hingegen muß (es schickt sich durchausnicht anders) die Hungerquelle der Rührung nurallmälich versickern. Gewisie Respekt-oder Re-spitminnten sind nach warmen Worten herkömm-lich, bevor man ein kälteres gut anbringt. Oftvexiert es aber äußerst. Ich erinnere mich nochgut, daß ich einmal mit einem empfindsamen phi-losophischen Adjunkt, Namens Mitreiter, demspäter im Reichs-Anzeiger sieben unbezablle Hans-wirthe nachsetzten, im Leipziger Rosenthal fühlendlustwandelte, nachdem wir uns vorher, weil ichihn einen unsittlichen Schleicher mit Unrecht (näm-lich um Ein Jahr zu früh) gescholten hatte, seit-wärts im Gebüsche gerührt entladen, ausgesöhntund umhalset hatten. Mitreiter mit seiner Handin meinem Arm liegend drückte und schwieg inEinem fort; die Baßseite der Empfindung solltesich langsam auszuschwingen scheinen. Ich mußte(schicklicher Weise, besonders als Beleidiger) auchzart fühlen und mit ihm im langsamen Ausschwin-gen Wettrennen, ein elendes Spiel, ähnlich demSpiele der Knaben, welche wetten, wessen Spin-nendem, das sie der Läuferspinne ausgeriffsn, amlängsten zapple. Gleichwohl war es Thatsache,daß seine Hand auf meinem Arme sämmtlicheDrucke der Empfindung erschöpft hatte, und nichtmehr wußte, was sie auf ihm, ihrer Gefühl-Tasta-tur, anfangen sollte. Mich vollends hungerte nachetwas Festem von Diskurs. Jetzt schäme ich michfreilich vor Höfen und Lesewelten zu bekennen,daß ich in der Desperazion über die Herzens -Strapazen nach einer kindischen Knabenkunst griff,nämlich daß ich wie ein Fallgatter, plötzlich (alswär' ich angestoßen) niederfiel auf den Steiß undaufsaß, und herauflächelte. Mitreiter hatte michkaum aufgezogen, als schon die lebhaftesten Ge-spräche regierten. —
Jetzt wollen wir wieder Helfens Stubenthüreausmachen. Er gehe Abends zur Wildmeisterin,hatt'er frei gesagt. So sehr er und diese in ihren Namenabwichen-, so deutlich die Sechzehnjährige in die-sem ihren Biicher-Helden den Haushaltung-Zwergnisten sah; so wenig sogar Helfen der Unterschiedzwischen dieser ewig fliegenden und bauenden Ar-beilbiene und zwischen seiner kränklich-zarten undmehr für Finger - als Arm - Arbeiten zugespitztenMutter entging: so vermochte doch dies allesnichts, gegen das, was ich eben zu berichten habe,daß eine Art Zuneigung beide so langsam und dochso steigend anflog, wie etwa die Morgenröthe mit-ten unter dem Anschauen unmerklich, und dochglühender die fernsten grauen Wölkchen überflie-ßet. Aber die Sonne, woraus sich alles erklärt,stand für beide noch tief unter dem Gesichtkreise.
Seine Mutter machte oft, wenn sie den Sohntief in den Musenberg hineingefahren sah, heimlichund ohne ein Wort zu sagen, sich einen Weg zureinsamen Wildmeisterin, blos um Helfen Abendsunerwartet von ihr zu erzählen. Engeltrut «un-gezwungen jede Seele zu liebe», die ihre Geliebtenliebten; so wie jedem theuern Herzen alles zu sagen,was es für dasselbe, und in ihrem Frohes gab.Daher hatte sie oft mehrmals vor Drotta wie vorGotthelf, ihres so weit anfgethan (ein Mittel, dasfremde zuzudrücken), daß sie herausstieß -. »ach ichthue oft vor Lein Wandschränkchen meines Seli-gen wie vor einer heiligen Bundeslade mein Ge-bet. Bescheert uns der gütige Gott etwas darin:o liebe Jungfer Wildmeisterin ! Sie weiß. wiemein Sohn denkt und ich; aber es sei alles Gottanheimgestellt.-— Dabei senkte Drotta ohne allesErröthen blos die Augenlieder ein wenig. Sie >wußte aber, daß ihr Vater, der nichts besaß als ^Büchsen und Hunde, ihre leere Hand nur einer svollen lasse. j
Gotthelf versaß seinen Geburt-Nachmittag >o zu- ^frieden-windstill, als stände gar keine Himmelfahrtin den Wald bevor. Um sich sah er die Mutterin Ruhestand mit einem Strang am Halse, woraussie die Fäden zum Nähen zieht, nnd die Ort-Schnl-meisterin, die schneller spinnt als spricht, beidemit ihren Kaffeeschalen in der Hand; denn jederProrektorat- oder Souverän-Wechsel wurde miteinem Lothe Kaffee gefeiert, was Anfangs desvorigen Jahrhunderts vielleicht kein kleinerer Auf-wand war, als Anfangs des jetzigen. Helf selberlas leise seinen griechischen Autor herunter, wobeinur Schade, daß er nicht auch die Vokabeln ver-stand. Die Schulmeisterin fand es, obwohl Gast,ganz billig, daß die Mutter für den »Sludenten»dio Haut der Sahne abfischte. Die drei Köpfeheizten sich immer wärmer; der Kaffee macht Ara-ber, der Thee nur Sineser, sagt' ich einmal, undin des ersten schwarzer Stunde wiederscheint wieim schwarzen Spiegel alles lebendiger als in desandern farblosem. Helf übersetzte nach dem Waldeschmachtend noch feurig einen deutschen Bogen inhebräische Buchstaben: oft schrieb er lange fort,ohne aufs Papier zu sehen, nicht um Geschicklich-keit zu zeigen, sondern um eine zu haben, falls ereinmal im Finstern zu arbeiten hätte.
Endlich schied der Gelehrte aus dem Flachs-Kreise; eS war als ob man eine Universität auseiner Stadt versetzte.
11.
Judas - Kapitel.
Wald-Gang.
Unbeschreiblich mit sich und dem Leben zufrie-den, sich und die Landschaft beschauend und überkeinen Zaun und Hügel verdrüßlich, kam er