Band 
IV.
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Doppelwö rter.

Elfter Bries.

Die zweisylbigen weiblichen Be-

stimniwörler mit en im Plural.

Baircuth, den aten Noo. I 8 > 7 .

Das Nasloch, fand ich. Verehrte, bei einigenBuchschreibern, welche, wie gewöhnlich, nur überdas einzige Work, das ihnen eben in die Feder ge-kommen, auf der Stelle des Papiers ein wenigphilosophierte» und bald herausforschten, daß beiNasenloch nur vorn Loche nicht mehr als Einer-Nase die Rede sein könne; inzwischen ließen dieseSchreiber die übrigen Wörter derselben Klasse wiesie waren, und rochen mit dem Nasloch an einRos en blatt, statt ein Rosblatt, und in eineKüch en stnbe, anstatt in eine Küchstube. — Dassich leer schreibende und leer lesende Volk der Ro-man- und Almanachjchreiber bedenkt im Erstaunenüber den eignen Fund nicht, daß man in der Spra-che über kein einzelnes Wort, ohne dessen ganzelange Sippschaft und die Hausverträge derselbenzu kennen, etwas verfüge» kann, über kein Ban-steinchen ohne Uebersicht des Sprachgebändes. Sosetzen die weiblichen Doppelsylben, die im Pluralein e annehmen, gleich den männlichen des Okto-berbriefs, sich an das Grundwort mit einem Wohl.lant-n, zum Beispiel Witwe, Nonne, Puppe,Lippe, Wange, Wunde, Asche, Staude, Nelke,Rose, Mode, diese haben folglich Wittwen-Pnppen - Nonnen stand ic. Der scharfe Wolkeaber behauptet, dieses en müsse fort, denn entwe-der als Pluralzeichen sei es falsch : z. B Säu-lenfuß, wo nur Eine Säule, oder als veralteterGenitiv und Dativ, z. B. in Hölle n fahrt vonLern alten Dativ in der Hölle» anstatt in derHölle. Aber es ist eben keines von beiden, z. B.Blnmenpvlype, Rossnmnnd bedeutet keinen Poly-pen und Mund von einer Blume oder von meh-ren, sondern einen, der eine ist, also den Nomi-nativ; folglich sei — fährt Wolke fort, weil ermeine gegenwärtige» Einwendungen in diesemBriefe noch nicht gelesen — bei allen Zusammenfü-gungen nicht nur das n, auch das e wegzuwerfennach den Beispielen, die uns die Sprache längstgegeben, z. B. in Schulbuch, nicht Schulenbuch,Seelsorger, nicht Seelensorger, Mühlrad, nichtMühlenrad. — Aber ich flehe hier Wolken, wieich schon im Oktoberbriefe versucht, meine Freun-din.,zu bedenken an, zu welcher Disharmouika sichunsere Sprache verstimmen würde, wenn man —aber lieber möchte ich mich mit dem Rücken an dieKlaviatur einer mit alle.» Bälgen und Registerngezogenen Orgel andrücken und Leu, Durcheinau-derheulen zuhören, als es in Dichtern vernehmen,wen» man einführte : der Katz - Ratt - oderRahschwauz, der Roswaugreiz (statt Rosenwan-g-ureiz) das Pupp-, Noun-, Witw-, Wanz-

bein, der Büchsichafft.-Ach und wen würde

man mehr entblättern, als die Blumen, Rosen,Nelken, Tulpen, Lilien, Rauten, Kressen ? Dennau Blumeunamen flattert mein Wohllaut - en wie

ein Blättchen mehr. Auf der andern oder Wol -k e scheu Seite, wo ihm die Wörter zu Gebotestehen, die seit Jahrhunderten dem n entsagt, kenn'ich wieder nichts Veränderlicheres als eben dieseWörter mit ihren Entsagungen ; wir haben K i r-chenrat h, und doch Schul rath — Kutsch bockund doch Kutsch enrad — Seel sorger und dochSeele nkraft —M ü h l stein und doch Mühle u-gang. Ich wäre durchgängig für das n da, wo mitihm der Wohllaut fehlte, also lieber z. B. Kut-schen bock als Kutschbock, lieber Kirsch en-bauni als Kirsch bau»,.

Hier und heute glaub' ich, kann ich, liebwür-digste Gönneriu, am besten auf einen besondernHaß und dor-l-or nntui-alis der Deutschen hindeu-ten; und dieser betrifft das e, gerade jenen dünn-stimmige» Selblauter, den wieder die Franzosenüberall bald als Harem-Stummen den weiblichenHauptwörtern, bald als einen Vorlauter undVorsänger den männlichen und den Zeitwörternmitgeben. Wir werfen das e aus den Zeitwör-tern (steh'», stehst) — wir schneiden es dem Dativab — oder aus dem Genitiv heraus ( Geld's ) —wir verschlucken es in Participien (geles'ne) —wir nehmen die Sichel des Apostrophs und quies-ziren es, baierisch zu reden, übe'all durch ei» Häk-chen — Dichter stoßen gar als Nachtigallen mittenim Gesänge auf dasselbe wie auf Gewürm herabund schnappen es weg — Dinte, worein mau einigeHippokrene gegossen, ist ordentlich das oau epiln-tolre zum Ausbeizen dieses Buchstäbchens oder Häk-chens — Kurz ich finde einen allgemeinen Feder-krieg gegen den Selblauter, eine freie Pürsch ge-gen dieses Schwa, wie sonst eine christliche gegend'e Hebräer gewesen.-

Die Ursache aber ist, daß er sich eben so häufig,wie diese, unter uns fortgepflanzt. — Wohin ichnur sehe, gerath' ich auf dieses deutsche Schwa. —Den Entziffer - Kanzleien plaudert er die Geheim-nißschrift am ersten aus, weil er am häufigsten dasitzt. — Kaufe» Sie von einem Schriftgießsr vierZentner kleine Cicero, so bekommen Sie nurstyoo Fraktur a, dagegen aber 11000 Fraktur c.— Wie klagen nicht Wolke und Radlof ssie wollenvergeblich helfen) einstimmig darüber, daß er seitJahrhunderten in die herrlichen Selblauter, wiegewiß a und o sind, als ein Wurm gekrochen undsie ausgehöhlt und entmannt oder vielmehr sichihnen wie ein llroup a» die Kehle gesetzt, Laß siekleinlaut und heißer geworden, (*) so wie er sel-ber nur Erbärmliches, z. B. Wehe, Flehen, Engeausspricht. — Bei - und Mitleid hab' ich daher mitdem Vokal nicht im Geringsten, wenn ihn (viel-leicht eben deshalb) sonst die Holländer, wie As-mus die Nachdruckerehrlichkeit, verkehrt gedrucktund geschrieben, ('*) wie etwa nur barbarisch ge-nug die Römer durch Umkehrung des Anfangbuch-staben eines Namens das weibliche Geschlecht be-zeichnet haben.

Aber ich komme zu den Doppelwörtern unsererBriefe zurück. Der deutsche Groll gegen das c

(*) Z-B. Räuber Pachter, Bürger, jctzo Räuber, Päch-ter, Bürger, soug Romer, jcl>o Römer. An die Zeitder Attfrantcn darf man gar nicht denken, wo selbst«elüc> hieß, er redete ill rockota, erfüllte gikuUta.

(") Krämers niederdeutsche Grammatik.