392
heraufbeschworen — für einen Apostel der Freiheit nichteben das passendste Ideal — und eine Scene „im Himmel"rundet sich zu einem lebensvollen Genrebilde mit epi-grammatischer Spitze ab. Die Hungerpest im schlesischenGebirge und der Tod eines Wilddiebes im Harze, den derFörster auf frischer That ertappt und niederschießt, siegeben Stoff zu zwei wunderbaren Nachtstücken aus derröthesten Proletariats-Poesie. Wenn der Dichter seinertreuen Lebens- und Strebensgefährtin einen Strauß aus'Wald- und Wiesenblumen bringt („Mit Unkraut"), wennder Vater den Kindern während der bitteren Jahre derVerbannung den Christbaum an sechs verschiedenen Stellender 'Fremde aufputzen muß ^„Ein Weihnachtslied fürmeine Kinder"), so entstehen aus diesen zwei menschlichwahren Situationen wiederum ein Paar lyrische Meister-werke. Auch zu höchstem Pathos vermag sich der poli-tische Poet zu erheben, wo ihn die Thatsache trägt („DieTodten an die Lebenden", aus den Märztagen in Berlin),und in einzelnen, aber wenig "zahlreichen Gedichten —vor allem in demjenigen, das ich für sein allerbestes halte:„Am Baum der Menschheit drängt sich Blüth' an Blüthe"— strahlt eine in die reinste Humanität und in volleinnere Harmonie erhobene Weltanschauung. Dagegen läßtuns der Dichter fast überall im Stiche, wo an Stelleder Inspiration der bloße, blasse Gedanke der Politik, dieAbstraction, die Tendenz treten soll; gerade diejenigenMotive, welche Herwegh, den idealistischen Schwaben, zuden höchsten Spitzen seines Talents und seiner Wirkungemporgetragen. In diese luftigen Sphären folgt ihmFreiligrath nicht. Versucht er es, ein oder das andere Mal