Buch 
Franz Dingelstedt's Sämmtliche Werke : Erste Gesammt-Ausgabe in 12 Bänden
Entstehung
Seite
147
JPEG-Download
 

147

Vertreter. Der Feuilletonist der Morgenzeitung, MeyerHirsch, sitzt im Salon; das Licht des Abendblattes, HirschMeyer, wartet allein im Cabinet der Prima-Donna.Sie dürfen sich persönlich nicht begegnen, sonst gibt esein Unglück, Mord und Todtschlag.

Und doch wenn jemals zwei Sterbliche durch dieStimme des Blutes, des Berufes, der innigsten Seelen-verwandtschaft zu einem Paar von Busenfreunden bestimmtgewesen, so sind es Hirsch Meyer und Meyer Hirsch. Siegehören zu der interessanten Gattung von Säugethieren,die ein Staatsmann der Gegenwart mit dem NamenPreßjudcn" taufen wollte. Beide führen keineswegs dasSteuer in den Redactionen ihrer Organe; sie bedienennur das Feuilleton mit Kunstartikeln, vermischten Nach-richten, Verbrechen und Unglücksfällen. Die halbofficielleMorgenzeitung geht tapfer hinter der Regierung her, durchDick und Dünn. Ihr Hauptredacteur ist ein Mann inAmt und Würden, der aus dem Vorzimmer des Ministersdirigirt wird und auch dirigirt. Sie zeichnet sich ausdurch Berichtigungen, die regelmäßig vier Wochen hinterden Ereignissen dreinhinken und niemals sagen, was ge-schehen sein soll. Umgekehrt das Abendblatt, welches eben-falls durch Dick und Dünn vor der Opposition einherläuft.Eigenthümer ist eine Aktiengesellschaft, die in Liberalismusspeculirt, je nach dem Tagescours. Wird das Blatt inirgend einem Staate verboten, so reist ein Hauptactionärsofort ab, um an Ort und Stelle Buße zu thun, Besse-rung zu geloben. Confiscationen hingegen sind beliebte,oftmals absichtlich herbeigeführte Maßregeln, die den Coursin die Höhe treiben. Freiheitsstrafen sitzt Hirsch Meyer

10»