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Schatulle hatte sie vor Rolands Augen enthüllen, ihm alsErwiderung seines Kindermärchens, erzählen wollen, wasnun ein Anderer hören sollte. .. . Nachdenklich sank siein den Sessel am Schreibtisch und stützte den Ellbogenauf diesen, den Kops in die Hand; Wellenberg hatte ihrgegenüber Platz genommen, sichtlich gespannt und unruhig.Nach einer ziemlichen Pause begann sie mit trübemLächeln: „Wie sagten Sie vorhin, Wallenberg? Siewürden sich über das Vorurtheil Ihrer Standesgenossengegen die Mesalliance mit mir hinwegsetzen; war es nichtso?" — Er nickte. — „Diesen immerhin gewagten Sprungkönnte ich Ihnen ersparen, wenn wir so weit mit einanderwären. Mein Uebergang von der Bühne in die Gesell-schaft würde nur eine Rückkehr sein." — „ Wär's mög-lich? .. ." — „Daß eine Künstlerin Ihrem Standeangehörte, Herr Graf? Warum nicht?" — „Sie sindvon den Unsrigen?" jubelte Wallenberg aus. „Nunleugne man noch die Stimme der geheimen Blutsver-wandtschaft, die sämmtliche einzelne Glieder unseresStandes zu einem und demselben Körper macht. Auchwenn wir uns nicht kennen, erkennen wir uns, ahnenuns an jenem unnennbaren Etwas, das . . ." — „DasSie an mir seit jahrelangem Verkehr nicht haben entdeckenkönnen," unterbrach ihn lächelnd Seraphim, „und dasSie in derselben Minute finden wollen, in welcher ichIhnen das Geheimniß verrathe. Lassen wir das, meinbester Graf, und erlauben Sie mir, in dieser Sacheanderer Ansicht zu sein und zu bleiben als Sie, vielleichtnur, weil ich nicht zum deutschen Adel gehöre." — „Icherinnere mich, daß die Sage ging, Sie seien schwedischer