Buch 
Aus meinem Bühnenleben : Erinnerungen / von Karoline Bauer ; herausgegeben von Arnold Wellmer
Entstehung
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beliebte Coloratursängerin als Amine in der »Nacht-wandlerin«, Agathe im »Freischütz«, Ginebra und Fsabellaund als meine Kollegin an der Dresdner Hofbühne wieder be-grüßen! Ja, wunderbar sind des Lebens Kreuzwege imScheiden und im Begegnen! Heute ist Panline Marx, dieihre glänzendsten Triumphe neben Johanna Wagner an derBerline'r Hofoper feierte, Frau Oberst Steiger in Württemberg.

Mein liebster Lehrer in Karlsruhe wurde aber ProfessorAloys Schreiber: in Geschichte, Aesthetik, Literatur, Kunst-geschichte und in gemüthboller Lebensweisheit. Die in sei-nem Hause verlebten Stunden gehören zu den mir theuersten,auf die ich zurückblicken darf.

Der Professor war damals fast 60 Jahr alt, eine milde,ehrwürdige Erscheinung mit lang niederwallendem silbernenHaar, wie ein Apostel. Als Professor der Aesthetik in Heidel-berg hatte er früher zu dem iutimsteu Freundeskreise von Jo-hann Heinrich Boß gehört, der die Abendidylle seines Lebensin der Stille seines Heidelberger Gartens träumte. BeideFreunde kämpften redlich gegen die damals wuchernde modischeMystik in Dichtkunst und Leben. Voß schrieb seine Antisym-bolik, Aloys Schreiber seine satirische Oomooäiu cliviuu.Die letztere machte das größte Aufsehen. Die Mystiker wußtendurchzusetzen, daß das Buch confiscirt wurde.

Auch der dänische Dichter Jens Baggesen gehörte jenemVoß-Schreiberschen Kreise in Heidelberg einige Zeit lang an.Mein Lehrer war aber später nicht gut auf den »dänischenWindbeutel« zu sprechen. Man hatte nämlich in den kleinenheiteren Abendgesellschaften bei Boß wie es damals in poe-.tischen oder wenigstens schöngeistigen Kreisen Mode war'allerlei Scherzgedichte gemacht. Ein Thema wohl auch eine

unbeliebte Persönlichkeit wurden aufgegeben-und dann

ging die Reimerei auf Zetteln frisch und lustig und oft rechtkunterbunt los. Blieb der Scherz doch »unter uns!« Aberkaum hatte Baggesen Heidelberg im Rücken, um in Kiel seine