Buch 
Aus meinem Bühnenleben : Erinnerungen / von Karoline Bauer ; herausgegeben von Arnold Wellmer
Entstehung
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Stühlen aus, wie einfach waren Kleidung und Mahlzeit undwie fröhlich waren wir oft mit einander!

Zu Weihnachten war ich schon lange vorher feierlich ein-geladen. Da waren auch die beiden Söhne zu Hause. Derälteste war Ingenieur-Offizier, der andere ein frischer fröhlicherHeidelberger Student. Ich kam mit leeren Händen. Und welcheUeberraschung war mir bereitet! Die Tochter, sehr geschickt inHandarbeiten, hatte für mich einen reizenden rosa seidencnHutgemacht. War das eine Freude! Und nicht nur für mich. Dieganze Familie strahlte vor Vergnügen über meine Ueberraschung und daß der Hut dem Blondköpfchen so gut stand! Unddann waren Alt und Jung bei dünnem Punsch und Käsekuchenund einen: Tänzchen so vergnügt, wie gute Kinder. Auch derProfessor tanzte mit seiner lieben alten Frau zu meinem Ent-zücken noch eine gravitätische Meuuet aus der Brautzeit, wäh-rend ich die reizende Melodie aus dem Don Juan dazu spielte.

Als ich meinem gütigen Lehrer einst von der geisterhaftenErscheinung meines seligen Vaters in seiner Sterbestunde anunsern Kinderbetten erzählte, wie ich es so oft von der Mutterund der alten Marianne gehört hatte, da wurde sein heiteresGesicht ungewöhnlich ernst und er sagte: »Liebes Kind, Siewissen, welch ein Feind aller poetischen und romantischen Mystikich bin. Aber ich habe den festen Glauben, daß es eben so gutkurzsichtige und weitsichtige Seelen, wie Augen gibt. Auch ichhabe etwas Aehnliches erfahren, wie Ihre Marianne. Ich saßin einer Nacht an meinen: Arbeitstische und schrieb poetischeAllotria auf Zettel. Da war es plötzlich, als ginge ein Hauchüber den Tisch. Die Zettel erhoben sich und flatterten auf dieErde... In derselben Stunde war mein guter Vater gestorben.Ihre Marianne und ich sind eben mit weitsichtigen Seelenbegabt!«

Das größte Fest für mich und das ganze SchreiberscheHaus war, wenn »der Herr Prälat« zu Gast käm der liebe