109
er solche Sonntagsbilder ausmalen! Aber es sollten Traum-bilder des edelsten Gemüthes bleiben. Als Hebel am 22. Sep-tember 1826 auf einer Reise plötzlich in Schwezingen starb,fand mau kein Testament vor. Die Hinterlassenschaft von9000 st. siel an entfernte Verwandte. Treue Freunde sorgtenaber dafür, daß den armen alten Leuten von Hausen wenigstensan des Dichters Geburtstage ein Hebel-Schöppli gereicht wird.Wie lange wohl?
Nie werde ich vergessen, wie unmuthig scherzend meinLehrer den Prälaten einst fragte: »Weshalb benahmen Siedenn Ludwig Tieck jede Hoffnung, Neues schaffen zu wollen,lieber Freund?«
»Weil ich nicht gegen meine Ueberzeugung sprechendurste!« entgegnete Hebel.
»Dürfen wir nichts davon erfahren?« riefen wirim Chor.
Hebel nickte lächelnd und Schreiber fuhr fort: »Tieckhielt sich auf seiner Reise nach Baden einige Tage hier ausund wir sahen ihn öfters. Als ich ihm mit Freund HebelLebewohl sagte, kam das Gespräch auf die alemannischen Ge-dichte. Tieck erschöpfte sich in Lobeserhebungen und sagte:»Weshalb, Derehrtester, schreiben Sie nicht mehr solcher aller-liebsten Sachen?« Treuherzig und mit größter Ruhe ant-wortete unser Dichter: »Weilmer nischt mehr einfalle thuet!« —Tieck schien seinen Ohren nicht zu trauen, und wiederholte inseiner gewinnenden, bezaubernden Sprachweise im feinstenHochdeutsch: »O! Sie wollen die Welt sicher mit herrlicherenGaben überraschen!« Aber unser Freund wiederholte un-erschütterlich: »Fo, lieber Herr, i wees nischt mehr!«
Da lachte Hebel herzlich und wir Jungen getrauten unsmunter einzustimmen. Der Professor aber sagte gerührt:»Kinder, wem die alemannischen Gedichte und die Geschichtendes rheinländischen Hausfreundes eingefallen sind, der darf ge-