801
Ton und munterte mich auf, unverzagt meine Ansichten zumBesten zu gebe». Wie herzlich lachte er über drollige Einfälle!»Ich liebe fröhliche Jugend!« sagte er, — »nur frisch in's Le-ben geschaut, übermüthige Blondine ... es wird leider schonanders kommen!« — Zelter erinnert an Aloys Schreiber undHebel, das gleiche biedere Wesen, das kluge Sprechen, dieedlen Züge . . . nur, ich möchte sagen, umfließt ihn noch derReiz als Komponist und Freund Gocthe's, der sein Abgott ist.Wie oft faßte ich seine weiche Hand und küßte sie — rasch —ehe er es verhindern konnte/—und so wurde mir denn die selteneEhre zu Theil, von ihm eingeladen zu werden, denn er empfängtselten Gäste und lebt sehr zurückgezogen, sorglichst gepflegt vonseiner jüngeren Tochter Dorothea, welche jeden Heirathsantragzurückgewiesen, um sich ganz dein Va^r widmen zu können/ einsanftes, liebenswürdiges Mädchen. Als wir in's Vorzimmergetreten — ich zitternd vor freudiger Erwartung, denn Zelterhatte verkündet, Louis Berger, der seelenvolle Komponist undbeliebteste Klavierlehrer Berlins, und Mendelssohn, sein besterSchüler, Sängerinnen mit süßem Sopran und herrlicher Alt-stimme würden anwesend sein — kam uns Dorothea entgegenund flüsterte: »Nur ganz leise — bis die Diskussion beendet ist,die Herren sprechen eifrigst über die Urtheilsfähigkcit des Ber-liner Publikums, — hören Sie?«-Da vernahmen wir
eine jugendlich helle Stimme: »Wie grausam sind Ihre bewun-derten Musikkenner mit meinem ersten Versuch — mit meinerOperette verfahren!« — und eine tiefere, gcmüthvolle Stimmefügte hinzu: »Ich mußte während vierzehn Tagen das Betthüten, so chatte mich die Gemüthsbewegung ergriffen — dasMitgefühl für meinen jungen Freund!« .. . Das war der ehr-liche Ludwig Berger. — Zelter erwiderte in seiner voll undkräftig klingenden Redeweise: »Hat nicht der besteMensch seineLaunen, — darf ein Publikum nie irren? Und dennoch sindmeine Berliner wahre Kunstverehrer/ Felix Mendelssohn-Bar-tholdh wird bald den cntmuthigcnden Eindruck verschmerzt