Buch 
Neunundsechszig Jahre am Preussischen Hofe : Aus den Erinnerungen der Oberhofmeisterin / Sophie Marie Gräfin von Voss
Entstehung
JPEG-Download
 

27

und die Welt mußte wenigstens zugestehen, daß sie es ganzWerth war, der Gegenstand einer so leidenschastlichen und sounüberwindlichen Liebe zu sein. Groß und schlank ge-wachsen, mit der Gestalt einer viano olmsgorosso, und zu-gleich schön und blond wie eine Venus, war sie eben soreizend, so unschuldig und so liebenswürdig, als sie schönwar. Der Prinz wollte es mit Gewalt durchsetzen, vonseiner Gemahlin geschieden zu werden, um ihr seine Handanzubieten, und die höchste Autorität selbst ward gezwungenin dieser Sache einzuschreiten. So gelang es denn zuletzt,aber mit welcher Mühe und nach welchen Kämpfen, durchdie geheimen Wege, welche nur die entschlossenste Thätigkeitund die rücksichtsloseste Politik sich nicht scheut einzuschlagen,dem Unglücklichen seine Geliebte zu entreißen! Ja, esgelang Fräulein von Pannewitz selbst, durch einen Sturmvon Vorstellungen und Ermahnungen so zu ängstigen undzu überwältigen, ihre hochherzige Natur so mitsortzureißen,daß sie es war, die sich freiwillig opferte, und dies mit einerTapferkeit und Selbstverleugnung, die edel empfindendeSeelen verstehen und bewundern werden. Um dem Prinzenjede fernere Hoffnung unmöglich zu machen, faßte sie plötz-lich und zur allgemeinen üeberraschung den Entschluß, sich

zu vermählen. Von dem Tage ihrer Verheirathung an

lebte sie so still und von der Welt zurückgezogen als nurmöglich. Sanft und liebenswürdig wie immer schien sieeinzig noch mit der Erziehung ihrer Kinder beschäftigt. Ge-wiß war auch sie von dem Verdienst und der Herzensgutedes Prinzen und von seiner jahrelangen treuen Liebe gerührtworden, und dennoch entsagte sie ihm und machte durchihre Vermählung selbst jede fernere Annäherung seinerseitsfür immer unmöglich. Sie that dies mit einer solchen