Buch 
Neunundsechszig Jahre am Preussischen Hofe : Aus den Erinnerungen der Oberhofmeisterin / Sophie Marie Gräfin von Voss
Entstehung
JPEG-Download
 

159

Handlungen, von einer ernsten religiösen Denkungs-Weise,war ihrer jungen Seele eine feste Stütze, während er ihrnie anders als mit der innigsten Verehrung und Liebebegegnete. Ich konnte in jenen ersten Monaten ihrer Ehenicht erwarten, daß die junge Fürstin mir sogleich ihr vollesVertrauen schenken würde. Der Unterschied der Jahre warzu groß zwischen ihr und mir; auch hatte sie etwas Verschlosse-nes in ihrem Charakter, und ich muß sagen, zum Glück undmit Recht eine große Zurückhaltung, die sie abhielt, sich gegenPersonen, die sie nicht näher kannte, offen auszusprechen. Aberdies Alles war dennoch schwer für mich und ich hatte damalseine trübe Zeit zu bestehen, ehe es mir endlich gelang, dasVertrauen meiner Prinzessin in Wahrheit zu erwerben undihr näher zu treten. Dem Kronprinzen allein gebührt dasVerdienst, sie in dem Augenblick der Gefahr, wo fremde Ein-flüsse sich zwischen ihn und sie einzudrängen drohten durchseine Treue, seine Wahrhaftigkeit und seine Festigkeit vordenselben bewahrt zu haben. Auch war damals mein ein-ziges Bestreben, die edle junge Frau, so oft ich durfte, daraufhinzuweisen, daß Niemand ihr volles Vertrauen besitzen. Nie-mand ihr Rathgeber sein dürfe als ihr Gemahl.

Den 1. April gingen die Herrschaften für einige Monatenach Potsdam und das machte den Bestrebungen verderblicherMenschen mit einem Mal ein Ende. Die Prinzessin folgtemit liebender Zuversicht ganz der Leitung ihres Gemahls; erführte sie in sich selbst zurück und ihre im wahren Sinne desWortes erhabene Seele fand sich wieder in dem ungetrübtenEinklang mit sich selbst und ihrem eignen reinen Wollen undStreben. Jedes störende Element war verschwunden und nunbegann für sie an der Hand des besten Gatten ein zufriedenes