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Umriß einer christlichen Weltgeschichte / von Friedrich von Maltzan
Entstehung
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Colbert. Und es zcngt von dem sittlichen Jammer Frankreichs,daß jetzt und lange hin Redlichkeit und Fähigkeit sich nicht ver-eint in einem Beamten darboten, dem Staat zu helfen. Baldzog der Krieg für Nordamerika die Nation ab von Betrachtungihrer Noth. Ein Seekrieg rief nun Kräfte und Talent hervor,die Franzosen kämpften glänzend auf dem Meere, die SiegeLafayette's in Amerika wurden mit allem Schimmer eines Kampfesfür Freiheit ausgeschmückt, daß man- in Frankreich damalsnichts Anderes besprach. Aber gerade der Krieg hatte dieSchuldenlast vermehrt und die Geldnoth des Staats stieg maß-los. Die Kunst, Anleihen zu machen, war noch unausgebildetund neue Steuern bedurften der Mitwirkung der Parlamente,und die Versuche erregten ein sehr unangenehmes Zusammen-stoßen. Frankreich hat seitdem gelernt, gar viel höhere Steuernund Schulden zu tragen, aber damals diente es zu einem Zunderfür das Pulverfaß aller Verderbniß. Paris mit seinen Lasternwar das Vorbild erstrebter Sitte; aber das Leben ward über-boten von den Gedanken, welche die Schriftstellerei verkündigte.Das Schöne war zum Liederlichen geworden, das Ernste zuvölliger Gottlosigkeit, und Alles so aus einem Gusse, daß nieein anderes Volk ein Werk wie die Encyclopädie -des Dalam-bert und Diderot zu Stande brachte; die verschiedenartigst be-gabten Geister sprechen sich in einer Einerleiheit aus, als seiensie in dämonischem Zauber. Die Zeit Ludwig XIV. erschienhiergegen sittsam und fromm. Die sogenannten Gebildeten inFrankreich waren also recht bereitet, die Ideen von der gottab-gewandten amerikanischen Menschenfreiheit im Glänze der heim-kehrenden Sieger zu empfangen und- mit aller Pariser Losge-bundenheit zu verarbeiten. Hierin lag der wahre Grund alleswerdenden Elends.

Es entstand völlige Rathlosigkeit in König Ludwigs Ver-waltung; man entzweite sich durchaus mit dem Parlamente,berief 1787 die Notablen des Reichs, man berief endlich 1789die Neichsversammluug. Der Streit des Adels und der Geist-lichkeit wegen der Abstimmung mit dem dritten Stande führtezum Uebergewicht des letzteren, daß nach wenig Wochen sichdie Einberufenen als die Nationalversammlung erklärten. DesKönigs Schwäche setzte seine Gewalt immer tiefer herab, zumal