I. Petrarca und seine Bibliothek.
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lieben u. s. w.st. Zagte er auch vorzugsweise den vermißten SchriftenCicero's nach, so bildeten doch die römischen Klassiker in seiner Phan-tasie bereits eine Gesammtheit und jede Lücke in derselben erschienihm als ein schmerzlicher Verlust. Seine Reisen und der vielfacheWechsel seines Aufenthaltes, die Fülle seiner freundschaftlichen Ver-bindungen, sein Ruhm, der ihm überall leicht die Pforten öffnete,das alles erleichterte ihm den Erwerb und die Benutzung klassischerHandschriften nngemein. Bald stand ihm ein Reichthum der Literaturzu Gebote wie wohl keinem vor ihm st. Er besaß die seltenstenSachen, manches, was außer ihm niemand weiter kannte. Er alleinlas die Gedichte des Catullus, die sonst verborgen in der Dom-bibliothek Verona's ruhten; alle Handschriften des Propertius scheinenvon der Pctrarca's herzustammen. Von Livius hatte Dante wohlnur die ersten vier Bücher gekannt'), Petrarca besaß 29. Aber geradeder wachsende Besitz erweckte den Durst nach mehr. Er wußte, daßLivius 142 Bücher geschrieben, wie mühte er sich ab, sie zu erlangen!'),wie bedauerte er den Untergang der Historien des Sallustiusst, wiequälend blieb ihm der Gedanke, Varro's Antiquitäten einst besessenzu haben und nicht mehr finden zu können!
Es ist wohl begreiflich, wie lieb dem Besitzer eine Sammlungvon Büchern wurde, die so mühsam gesucht, erworben und zusammen-gebracht werden mußten. Erst im Privatbesitz wurde das geistigeGut, welches in ihnen lag, ein flüssiges, es verkehrte gleichsam mitder freien Luft und ward fruchtbar durch die Mittheilung an Freundein der Nähe und Ferne. Bücher, sagt Petrarca, seien seine uner-sättlichste Begierde, sie würden ihm wie ein lebendiger Umgang, wiesprechende Freundest. Bei ihnen suchte und fand seine Seele, auchals er manches andere Streben als Täuschung und Eitelkeit erkannte,immer ein stilles Asyl. Doch waren sie nicht immer beisammen,da er sie bei seinen wechselnden Aufenthalten nicht allemal mit sichführen konnte. Viele Jahre lang befand sich ein Theil in Vaucluse,ein anderer hier und dort in Italien. In seiner Villa an denQuellen der Sorgue bewachte sie ihm sein alter Meier, „das treueste
y Lpist. ror. kami!. III, 18.
2) Ihren Umfang hat Karting S. 481 ff. eingehend dargelegt.
-) Schrick a. O. S. 270.
y Lpmt rsr. kawil. XXIV, 8, an T. Livius gerichtet.
y Her. msrnoranä. Inb. I (Opp. p. 447. 448).
°) Lpint. rer. ürmil. III, 18.