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Die Wiederbelebung des classischen Alterthums oder das erste Jahrhundert des Humanismus / von Georg Voigt
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V. Die Übersetzungen Bruni's.

zwungen war, das Einzelne zu beachten und zu durchdenken. Bisher,sagt er, habe er Platon nur gesehen, nun aber glaube er ihn auchzu erkennen. Er machte sich klar, welche Aufgabe hier dem Ueber-setzer gestellt sei, wollte er den Gebildeten seiner Zeit genügen. DieKlarheit war ihm das erste Gebot: er fragte sich, wie Platon selbstsich ausgedrückt haben würde, hätte er lateinisch geschrieben. VomSinne wollte er sich keine Abweichung erlauben; wo Wort für Wortleichtverständlich übertragen werden konnte, sollte es geschehen; woaber-bei solchem Verfahren der Inhalt dunkel geblieben oder verfehltwäre, zog er die Umschreibung der Wörtlichkeit vor. Man solltePlaton ohne Anstoß, ja mit Genuß lesen können').

Es scheint, daß Bruni die platonischen Arbeiten erst nach einigenJahren wieder aufnahm. Den Anfang mochte der Phaidon machen,den er Papst Jnnocentius VII widmete. Außerdem übersetzte er dieBriefe Platon's für Cosimo Medici st, den Gorgias, der sich auchin der mediceischen Bibliothek findet, Kritou und die Apologie desSokrates und wohl zuletzt, um 1421, den Phaidros, den er demDichter Antonio Loschi darbrachte. Aber gerade diese Arbeit, so hocher selbst sie hielt, fand wenig Beifall. Lorenzo Medici, der BruderCosimo's, äußerte, er habe, an Cicero's Tusculanen gewöhnt, jenesBnch Bruni's sogleich als rauh und roh bei Seite geworfen, undTraversari's Urtheil war das nämliche st. Vielleicht lag darin derGrund, daß Bruni hinter dem Vorsätze seiner jüngeren Jahre, derWelt den ganzen lateinischen Platon zu geben, so weit zurückbliebund es bei den genannten sechs Büchern bewenden ließ. Sie warenzwar einst ziemlich verbreitet, haben aber doch niemals den Ruhmerreicht, wie Bruni's größere Arbeiten über Aristoteles.

Daß Aristoteles dem Mittelalter bei weitem vertrauter warals Platon, ist bekannt. Früh schon wurden ihm die physikalischenSchriften durch Araber, die logischen und metaphysischen durch Boe-tius zugebracht. Man kannte fast alle Bücher des Aristoteles, die

y üson. Druni epist. I, 8 an Niccoli vom 5. Setzt. (1400). Das Jahrschließe ich aus der Erwähnung der Imucialio Horontinns urbis im Briefe. S.Bd. I S. 312. Somit fällt auch diese Uebelsetzung, enm rsoens turrc primum e«eirolis Or-rseornm sxissvw.

") Aus der Widmung, die man bei 2uet>g.rin8 kibl. kistor. p. 41 findet,geht nur hervor, daß das in einer Zeit heftiger politischer Stürme geschah.

3) Die Widmung des Phaidros bei Lolrio I. e. Ambras, lU-avers. spist.VUI, 8. 9.