VI. Propaganda des Humanismus von Italien aus. 2-49
Dichter und Redner, die Geschichtschreiber und Philosophen einerlängstverschollenen Zeit alle bekannt und wie sein eigen Fleisch undBlut sind. Ist die Zeit des Lcrnens für ihn vorüber, so schickt erwenigstens den Sohn, daß er sich der neuen Bildung theilhaftigmache. Oder er sieht Niceoli's Museum und Poggio's Villa: hierlernt er mit einem Blick, daß zerbrochene Statuen und Gefäße vonMarmor, noch Gegenstände der Verehrung fein, daß Münzen, dienicht mehr im Handel gelten, noch einen andern Werth haben können,und daß Pergament, welches vor einer Reihe von Jahrhunderten be-schrieben wurde, werthvoller sei als unbeschriebenes. Hier sieht er,wie gewissen Büchern eine fast andächtige Ehrfurcht gezollt wird, unddiese Büchermänner -sind nicht Klosterbrüder oder Juristen, sie jagennicht nur nach Gewinn in diesem und nach der Seligkeit in jenemLeben, sie sind begeisterte Schwärmer und doch ihres Lebens froh,heiter und liebenswürdig im Umgang. Er kauft Bücher der Art odergiebt Abschreibern Aufträge und führt die Quellen der neuen Bildungmit sich in seine Heimath. , '
Man merkt wohl, daß es schwer ist, die erste Uebersiedelung desHumanismus in die transalpinischen Länder zu verfolgen. Diesekönnen natürlich nicht sogleich große Gelehrte ausweisen oder epoche-machende Bücher; um derlei zu finden, müßten wir schon an dieGrenze des Jahrhunderts treten oder sie überschreiten. Es,sind ebennur die Anfänge, auf die hier hingedeutet werden soll, die erstenAnregungen und Eindrücke, die an sich unbedeutend und unscheinbar,erst in der dritten und vierten Generation Frucht bringen.
Diese Anfänge sind aber nicht immer dieselben: bald finden wirein allmähliches Hinübergleiten der neuen Bildung aus die andereNation, bald einen heftigeren Uebergang mit Reibungen, ja mitKampf. Der Grund dieser Verschiedenheit lag also, um es zu wieder-holen, nicht in dem humanistischen Stoffe selber, der überall ziemlichderselben Aufnahme gewärtig sein konnte, sondern in der nationalenStellung, welche zu den einzelnen Völkern die Italiener einnahmen,die einmal die Verkünder und Vertreter des Humanismus waren.Man beurtheilte zuerst natürlich das neue Evangelium vom klassischenAlterthum nach den Aposteln, die es predigten. So fand es bei denromanischen Völkern ein allmähliches, freundliches Entgegenkommen,einen gleichsam geräuschlosen Eingang. Die natürliche Stammver-wandtschaft, das'römische Blut machte sich geltend, wie denn auch