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Die Wiederbelebung des classischen Alterthums oder das erste Jahrhundert des Humanismus / von Georg Voigt
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VII. Biographie. Alterthümer.

Maße auch der Blick dafür ein geschärfter, und der Ausdruck, mitdem man ihre Züge zu zeichnen suchte, gewann an Prägnanz undMannigfaltigkeit. Nicht nur Heilige, Herrscher und Prälaten, wieim Mittelalter, werden der Darstellung gewürdigt, auch nicht nurdie Heroen der Gelehrsamkeit und Dichtung, selbst Gestalten zweitenund dritten Ranges sucht man liebevoll zu würdigen und ihr An-denken auf die Nachwelt zu bringen. Wir erinnern noch einmaldaran, wie schon Petrarca im Buchevon den berühmten Männern"die römische Geschichte lieber in der biographischen Form vorführteals in livianischer Erzählung, wie Boccaccio ihm mit denberühm-ten Frauen" und in dem Buche vom tragischen Ausgange der be-rühmten Männer folgte. Die Moralitäten, in denen man den Kernder geschichtlichen Belehrung suchte, und die beliebten anekdotischenZüge fanden hier am natürlichsten Platz und Spielraum. Mögenwir auch nicht die zahlreichen Einzelbiographien aufreihen, dieStaatsmännern und Gelehrten, Dichtern und Künstlern gewidmetworden, Gestalten aus dem Alterthum wie Zeitgenossen, so tretendoch die Sammelwerke über berühmte Männer und Frauen bedeut-sam hervor, die wir Enea Piccolomini und Filippo Villani, Barto-lomeo Fazio und dem Buchhändler Vespasiano verdanken. Allen istgemeinsam, daß sie das Andenken solcher Gestalten, mit denen dasLeben sie in Berührung gebracht oder die doch im Munde der Mit-menschen unvergessen waren, festzuhalten und fortzupflanzen streben.Wie lebendig und plastisch treten uns allein in Vespasiano's zahl-reichen Lebensskizzen die ganze humanistische Gesellschaft, die hohenklerikalen Kreise, das sociale Leben der Florentiner und Florentine-rinnen entgegen, und er war noch nicht einmal ein Gelehrter, derirgend eine Kunstform beansprucht hätte, er war mit seinen harm-losen Ricordi ein Geschichtschreiber, ohne es sein zu wollen und zu wissen.

Der Geschichtsforschung ist diejenige Disciplin nahe verwandt,die wir jetzt als Alterthümer zu bezeichnen pflegen,.die Darstellungantiker Institutionen und Sitten. Der Begründer des Faches istder wackere Flavio Biondo. In seiner Koma triuwximns, die ergegen Ende des Jahres 1459 Papst Pins II darbrachte, ordnete erdie Früchte einer überaus fleißigen Belesenheit zu einem antiquari-schen Gesammtbilde. Er sprach von der Religion der Römer, vonihren Spielen und Theatern, von der Staatsverwaltung, der Rechts-verfassung, von Zöllen und Steuern, Handel und Münzwesen, von