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natürlich keineswegs so weit gehen als bei Kleist, in dessen epischerDichtung sogar Blut getrunken wird. Auch beruht er keineswegsauf inhumanen Vorstellungen, sondern im Gegentheil auf einemsehr hoch gesteigerten Idealismus, welchem der rauhe Krieger nurin einer beständigen Todesweihe zur Wiederherstellung des ge-'störten Glückes der Menschheit begriffen erscheint. In Cissidcsund Paches heißt es bei einer Anrede an die Macedonier: „Undfechtet noch auf Knieen, wenn ihr fallt." Dies erinnert bestimmtan das Ende eines antiken Heldenlebens, allgemeiner auch anKleists eigenen späteren Tod. In Lessings Philotas befindetsich eine Anrede an das Schwert wie später bei Körner. Esliegen namentlich in Cissides und Paches Gedanken, die später,etwa durch unsere Lützower, in die Geschichte eintraten. In Bezugaus den Philotas aber war es eine feine Entdeckung Gleims, daßdiese Tragödie zwar kriegerisch aber nicht patriotisch war undaußerdem durch eine Verwandlung der Prosa in Jamben alsTrauerspiel an Vollkommenheit gewinnen müsse. Doch war esplump, daß Gleim, über Lessings Autorschaft in Betreff dieserTragödie in Zweifel, den Philotas selbst versificirte, obgleich sichdie Dichter während des siebenjährigen Krieges schon gleich denspäteren Göttingern immerfort gegenseitig corrigirten. Wirklichaber schrieb Kleist an Gleim nach der Versificatiorn „Sie habenden Philotas durch die Liebe zum Vaterlande viel edler gemacht."Lessing selbst, der auf dem Titel des Philotas von Gleim dasWort „versificirt" in „verisicirt" änderte, dürfte wohl nur dieVeränderung der Form anerkannt, die des Inhaltes aber imStillen gemißbilligt haben.
Der volksthümlichen literarischen Richtung, welche wir fastnur von Gleim ausgehen sahen, gelang es in der Zeit zwischendem Heldentode Schwerins und Kleists den Patriotismus inengeren Kreisen, zunächst nur in Preußen, nicht in ganz Deutsch-land, lebhafter zum Bewußtsein zu bringen. Konnte Lessingeinem solchen Werke entgegentreten? Er wollte nur die Aus-wüchse desselben bekämpfen. Er war selbst nur weniger Patriot