war: eine enge, knappe Form hinein zu bauen in die wüsteWirthschaft des extemporirenden Bandenspieles, welches herrschte.Aber auch dies Bandenspiel war schon dem deutschen Theaterin Wien voraus. Staatsactiones, englische Komödie, plumpePosse bildeten das Repertoire. Jedes war schätzbar als frucht-bares Korn, und jedes ist auch später entwickelt worden: dieStaatsaction zum historischen Schauspiele, die englische Komödiezum bürgerlichen Schauspiele und die Posse zum Lustspiele. Sowie dies Repertoire damals wucherte, war es Unkraut, welchesschonungslos gejätet werden mußte. Es war ungethümer Stoff;eine Form that noth, auch wenn diese Form zunächst verarmensollte.
Diese Grundaufgabe löste die Neuberin mit bewunderns-werther Energie. Sie ist die Mutter des deutschen Schauspiels;viel mehr, als Gottsched Vater war. Sie besaß den Jnstinctder Schöpfung, welcher etwas ganz Anderes war und wurde,als der blos formalistische Sinn Gottsched's ahnte. Sie warproductiv und hatte den Kern und Saft der bis dahin wüstenKomödie ganz und gar in sich, während Gottsched davon Nichtsbesaß. Er war vom Humor verlassen, sie war reich daran. Sieerfand, sie extemporirte sogar ebenfalls, wenn's augenblicklichnöthig war, kurz, sie war eine lebensvolle Natur und ein künst-lerischer Charakter. Daß sie dabei auch ein starker bürgerlicherCharakter war, welcher Ordnung hielt, welcher streng einen Strichsegelte, welcher Opfer brachte mit Bewußtsein und Tapferkeit,das war entscheidend. Man respectirte das, und dies moralischeAnsehen war dem verachteten Komödiantenleben unschätzbar. Dasmoralische Moment stützte das literarische.
Sie konnte aber natürlich mit aller Kraft der Ausführungnur einen Anfang bereiten. Sie konnte nicht auch die Stückeschaffen, sie mußte froh sein, wenn sie verschafft wurden. DieseVerschaffung geschah mit Hülfe des französischen Theaters. Diedramatische Literatur aus der Epoche Ludwig's XIV. bildetedie Grundlage zu dem entstehenden regelmäßigen Schauspiel inDeutschland. Von Seiten Gottsched's in pedantischer Ueber-schätzung der entlehnten Form, von Seiten der Neuberin indeutlicher Einsicht, daß dies nicht genüge und daß Kräfte er-wachsen müßten in Deutschland, welche mit eigener Schöpfungs-kraft den Inhalt brächten für die Reform.