Buch 
Das Burgtheater : ein Beitrag zur deutschen Theater-Geschichte / von Heinrich Laube
Entstehung
JPEG-Download
 

103

Ihr Grundcharakter war schwerer Ernst, und durch denVortrag in erster Linie ist sie die große Schauspielerin ge-worden.

Ihr Organ war sonor, ihr Accent rein, ihre Eintheilung derRede meisterhaft. Sie stammte aus der guten Zeit, welche ge-spannten Sinnes eine neue Literatur aufnahm, welche jedesschöne Wort begrüßte, welche die Bedeutung eines jeden Wortesgenau würdigte. Eine solche Zeit spricht in ihrer Redekunst soklar als möglich, sie sucht für jede Wendung des Satzes denentsprechenden Ton. Sie stammte ferner aus einer Zeit, welcheneben der ideal auffliegenden Literatur doch in der Schauspiel-schule von Schröder und Jffland einen realen technischen Bodenhatte. Diesen Boden durften damalige Schauspieler nicht leichtverlassen in unverstandener Ueberschwenglichkeit. Leute wieSchröder und Jffland verlangten auch für die Ueberschwenglich-keit Erklärung, Motivirung und stufenweisen Gang.

Aus diesen Einflüssen ist Sophie Schröder in ihrem Schau-spiel-Charakter hervorgegangen. Dieser Charakter war nicht soblos ideal, wie jetzt oft behauptet wird; er ruhte auf einer sehrrealen technischen Grundlage; er holte sich gar manche Be-gründung oder Ausschmückung vom realen Felde.

Die nächste Frage ist: War sie nur declamirend, oder warsie zu sehr declamirend, wie ihr neuerdings nachgesagt wird?

Die letzte Frage wird sein: Hatte sie Leidenschaft genug?Entwickelte sie Schönheit genug?

Ich erinnere mich ihrer Jsabella ganz deutlich, und ich mußsagen: Ihre Declamation drängte sich nicht vor, löste sich nichtab vom dramatischen Charakter. Sie sprach schön, sie sprach, man empfand es wohl mit dem Bewußtsein, daß dieArt des Sprechens eine Hauptsache wäre, aber sie hielt dieVerbindung mit dem dramatischen Gedanken und Gange un-zweifelhaft fest, sie sprach dramatisch schön.

Die große Rede im ersten Acte derBraut von Messina"hätte vielleicht noch mannigfaltiger sein können; es blieb vielleichtzu wünschen übrig, daß noch ein starker Puls geistiger Lebhaftigkeithervorträte aber diese Wünsche entstanden wohl nur, weilman einer solchen Künstlerin gegenüber alle ersinnlichen An-forderungen stellt. Im letzten Acte, bei dem Schrei:Es istmein Sohn!" vergaß man all' diese fragenden Verlangnisse.