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Das Burgtheater : ein Beitrag zur deutschen Theater-Geschichte / von Heinrich Laube
Entstehung
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ist. Die Kassenbücher zeigen von solchen Abenden die gering-fügigsten Einnahmen, Einnahmen, wie sie in den fünfziger undsechsziger Jahren nur bei durchgefallenen Stücken, oder in denheißen Sommermonaten vorkommen. Man sagt, dies habein der mangelhaften Bildung des Publikums gelegen, welchesfür schwer tragische Stücke nicht reif gewesen.

Allerdings war es mir noch im Jahre 1851 vorbehalten, denalten Lear im fünften Acte zu todten. Dem Geschmacke desPublikums zu Gefallen war er bis dahin am Leben geblieben.Der alte Herr mußte es möglich machen, nach solchen Er-fahrungen und Erschütterungen weiter zu existiren, und LudwigTieck warnte mich lächelnd vor dem vermessenen Unternehmen,diesen sogenanntenWiener Schluß" in den Shakespeare'schenzu verwandeln.

Aber nicht blos die mangelhafte Bildung, ein Ergebniß derschlechten Schulen, welche das alte System zupassend fand, lagund liegt in Wien der Tragödie im Wege. Die sanguinische,ich möchte sagen die optimistische Beschaffenheit des österreichischenNaturells entschließt sich ungern und schwer zu tragischer Be-trachtung. Der Begriff einerUnterhaltung" ist in Oesterreichzu allgemein gleichbedeutend niit dem BegriffeTheater", alsdaß die zum Extrem schreitende Aufgabe im Denken und Fühlendem Publikum genehm werden könnte. Man liebt es nicht, dieDinge tief ernsthaft anzufassen, und die Regierungsweise hat dieohnehin herrschende Abneigung dadurch bestärkt, daß sie gründ-liche Prüfung aller höheren Fragen so lange ferngehalten hatvon der Bevölkerung.

Uebrigens lag und liegt wohl auch ein gutes Korn ästhetischerWahrheit darunter, daß man von der Kunst befriedigende Ein-drücke verlangt. Unreife Tragödien erregen ja wirklich nurpeinliche Empfindungen, und es gehört eine durch religiöse undmoralische Fragen tiefer aufgeackerte Bevölkerung dazu, um dasTragische vom Traurigen zu unterscheiden. Diese Aufackerungtritt erst seit einigen Jahrzehnten an die Oesterreicher heran,und sitz hat auch wirklich schon einen sichtbaren Wechsel hervor-gebracht, so weit er bei derselben Generation mit dem Naturellvereinbar ist.

Aber auch nach langer Erfahrung und nach dem Wechseleiner ganzen Generation werden die Oesterreicher immer noch