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Das Burgtheater : ein Beitrag zur deutschen Theater-Geschichte / von Heinrich Laube
Entstehung
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das beste Publikum für das Lustspiel bilden, und das Senti-mentale wird ihnen noch lange lieber sein, als das Tragische.Für das Lustspiel übertreffen sie an Empfänglichkeit und rascherAuffassung alle deutschen Stämme.

Von diesen Neigungen ist Sophie Schröder in Wien sicherlichbis auf einen gewissen Grad betroffen worden.

Trotz Alledem steht Sophie Schröder im stolzesten Andenkender Wiener. Obwohl sie mehrmals von bannen gegangen, ob-wohl sie die Direction ohne Fug mit dem Rücken angesehen,hat auch die Direction diesem stolzen Andenken standhaft Rech-nung getragen, und hat ihr bis zu ihrem Tode eine Pensiongezahlt, welche sie durch ihr Weggehen juridisch in Frage gestellthatte.

Sie war übrigens im praktischen Sinne für die Directionkeineswegs so ausgiebig wie man denkt. Ihr Rollenkreis warstreng, sogar eng begrenzt, und sie hatte selbst in diesem engenKreise eine Schwäche, welche nicht zu überwinden war. DieseSchwäche lag eben darin, daß sie auch in ihrer Jugend keineLiebhaberin gewesen.

Sappho war eine ihrer gefeiertsten Leistungen, und dochhaben wir 1866 erfahren, daß ihr ein Hauptelement dafür fehlte.1866 spielte Fräulein Wolter diese Rolle. Der ganze großeApparat correcter Declamation, über welchen Sophie Schröderverfügte, ihr Vortrag reichte gar oft nicht hinan an die Kraft,Festigkeit und Klarheit jener Künstlerin, und dennoch warder Eindruck der Rolle und durch die Rolle der Eindruck desganzen Stückes viel schöner als damals. Das Blut der Liebepulsirte in Frln. Wolter viel stärker, und dadurch wurden Rolleund Stück wärmer und schöner. Eine gewisse Berechtigung zumGeliebtwerden muß in Sappho vorhanden, die Darstellerin derSappho muß eine gewesene Liebhaberin sein, um der Seele desStückes gerecht zu werden.

Am deutlichsten kam dies in den zwanziger Jahren zu Tage.Da erschien plötzlich in Sophie Müller ein ausgezeichnetes tragischesTalent neben ihr auf dem Burgtheater und spielte in Raupach'sNibelungenhort" neben der Brunhild der Frau Schröder dieChriemhild. Sophie neben Sophie! Und die leidenschaftlichen,in's Heroinenfach hineinragenden Scenen der Chriemhild über-trafen an intensiver Wirkung die Scenen der Brunhild, weil