109
Wenn man den eigentlichen Inhalt seines Wesens bloßlegenwollte, da würde man erstaunen über die Geringfügigkeit desselbenan Wissen, Geist und Gemüth. Aber wie sich Eines zum Anderenverhielt, das machte ihn anziehend.
Die ganze Macht der bestechenden Form war ihm zugetheiltund hielt ihn vierzig Jahre lang in der verdienten Gunst desPublikums. Ordentlich, fleißig, sorgfältig und immer diplomatischwar er außerdem ein unmuthiger Staatsmann des Theaters,wie es kaum einen zweiten gegeben. Geschmack war die Summeseines Wesens, Vorsicht und Behutsamkeit die Leiterin all' seinerSchritte, „le semblant" — unser Wort „Schein" ist zu grob —das Ziel all' seiner Bestrebungen.
Seydelmann erinnerte an einen Diplomaten, mit dem man sichin Acht nehmen mußte, Korn an einen Diplomaten, der einen char-manten Eindruck machte. So angenehm, so verbindlich, so bequem l
Er hatte denn auch eine große Anzahl von Rollen, welcheer unübertrefflich spielte, namentlich Cavaliere von reinstemWasser, und er war natürlich auch ein Liebling der Cavaliere,welche im Burgtheater von jeher das entscheidende Wort abgegeben.
Sehr verschieden war von ihm Costenoble, ein demokratischesNaturell. Trocken, fast mürrisch, aber von positiver Komik inLustspielcharakteren, von unerwarteter, aber eben so positiverRührung in ernsteren gemüthlichen Aufgaben. Nirgend Ueber-treibung, nirgend Flitter, ein Klosterbruder im „Nathan", dernicht zu übertreffen ist.
Von Anschütz, Löwe, Wilhelmi, Fichtner, sei die Charakteristikhinausgeschoben auf die Zeit, welche ihre Talente voll entwickelte.
Mit solchen Darstellungsmitteln und sorgsamer Leitung hatteSchrepvogel das Burgtheater auf einen ungemeinen Höhepunktgebracht zu Anfang des Jahres 1832.
Es war damals, trotz der tiefgreifenden Censurhindernisse,das beste deutsche Theater.
Die Meinung vieler Wiener, daß es dies immer gewesen, istein Irrthum. Vor Schrepvogel war das Berliner Theater unterJffland nicht nur wichtiger durch den Inhalt seines Repertoires,sondern auch besser, und bis in die zwanziger Jahre hinein er-hielt Graf Brühl dem Berliner Hoftheater den ersten Rangdurch stylvolle, freigebige Bemühung für das große Schauspiel.Aber in Berlin ging man in den zwanziger Jahren zurück, und