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Es überflog Einen der Eindruck: dieser begabte neue Dichtermuß erkrankt sein mitten in der meisterhaft geführten Arbeit.Wer später hörte, daß Otto Ludwig in der That von tieferkörperlicher Krankheit befallen war, der meinte wohl, darin denAufschluß zu finden.
Das war es aber nicht allein, was den Ausgang des „Erb-förster" beschädigte. Es war die literarische Erziehung, welcheLudwig in der Jugend durchgemacht, die Erziehung, welche unsAllen angekränkelt worden ist, die wir in den Zwanziger undDreißiger Jahren unsere literarische Jugend verlebt haben.Die Romantik der Novalis, Brentano, Arnim, Tieck war zuAnfang des Jahrhunderts durch die großen kritischen Talenteder Gebrüder Schlegel emporgefchwindelt morden gegen Schillerund Goethe, deren Ruhm unbequem wirkte auf junge Autoren.Besonders gegen Schiller war sie gemünzt. Diese Romantik,als Reaction zur Welt gebracht, war nie ganz gesund und hattevon Hause aus sehr viel künstlich Gemachtes in ihrem Inneren,künstliche Religiosität, künstlichen Natursinn, künstliche Liebe.Wer kennt sie denn jetzt noch, die Produktionen, welche in unsererJugendzeit für Ideale galten; wer kennt und liest noch Tieck's„Genovefa" und „Kaiser Octavianus", und Arnim's „GräfinDolores" und Brentano's „Gründung Prags"! Sie sind ver-weht vom Staube der Zeit, wie alle Pflanzen verweht werden,die keine gesunden Wurzeln haben. Aber diese Männer unddiese romantische Schule waren voll Geist und Bildung, und eswar ihnen durch ihre kritischen Wortführer Schlegel gelungen,einen sogenannten poetischen Canon zu gründen in der deutschenLiteratur. Dieser Canon ist eigentlich erst durch das jungeDeutschland angegriffen worden, allerdings ungleich und oft un-genügend angegriffen worden, denn wichtige Wortführer desjungen Deutschland stammten selbst noch aus der romantischenSchule. Aber der Angriff war doch so weit wirksam, daß dieAutorität der blauen Romantik erschüttert wurde und daß sichneue Grundsätze anbahnen konnten, welche neuerdings realistischgenannt werden. Otto Ludwig hatte in seiner Jugend dieseblaue Romantik eingesogen und hatte erst in reiferem Alter dieBerechtigung der realen Dinge in der Poesie erkannt. FürLetzteres boten seine Eindrücke des heimathlichen thüringischenKleinlebens Material in Fülle, denn er war immer arm und