149
ausgenommen werden, sobald sich eine jüngere Kraft für dieHauptrolle eignet. Ist sie, wie ich wünsche, im Naturell strenger,so wird sie allerdings doppelte Schwierigkeit finden, gegen dieBeliebtheit der Anschütz'schen Weise aufzukommen, das Trauer-spiel selbst aber wird in dieser Einen Richtung wahrscheinlicherwerden. Denn ein weicher Erbförster widerspricht den letztenWendungen zu sehr und macht als Kindesmörder einen doppeltpeinlichen Eindruck.
Zwischen „Faust" und „Erbförster" waren noch andere Neuig-keiten gewonnen worden, Stücke und Schauspieler. Das Dirigirenentwickelte sich mir wie das Romanschreiben: man drängt aufein Hauptkapitel zu und unterwegs begegnet man einem Neben-kapitel nach dem anderen, und ist am Ende ganz zufrieden mitsolcher Verzögerung, weil man unterwegs verstärktes Leben ge-winnt und gehäufte Steigerung erreicht für das Hauptkapitel.Ich hatte als Hauptkapitel fortwährend die Jnscenesetzung des„Julius Cäsar" vor Augen, und diese fand große Schwierigkeiten,namentlich auch Personal-Schwierigkeiten. Denn solch ein massen-haftes Römerstttck machte größere Anforderungen, als die letzteHolbein'sche Zeit mit ihrem Nachlasse zu befriedigen im Standewar. Es hatte den Anschein, als sei dies im ersten Halbjahregar nicht möglich, und ich meinte sehr unzufrieden sein zu müssen,gewann aber unterwegs recht wesentliche Dinge: ein paar dauerndeneue Stücke und ein paar dauernde neue Schauspieler.
Gutzkow hatte zum Jubeljahre Goethes 1849 ein Gelegen-heitsstück für Frankfurt geschrieben, den „Königs-Lieutenant",und dafür wenig Dank geerntet, wie das zu gehen pflegt, wennGelegenheits-Arbeiten größeren Anspruch machen. Sie sollenrasch entstehen, sollen zahlreichen Zwecken des Augenblicks dienenund sollen dann doch nicht rasch wieder vergehen, ja auch nochden Maßstäben ewiger Kunstwerke gerecht werden. Das ist selbstGoethe nicht gelungen mit größeren Compositionen, obwohl geradeer bekanntlich die Gelegenheit sehr hoch schätzte für poetischeThätigkeit. Gutzkow's Arbeit enthielt jedenfalls mannigfachehistorische Elemente, welche für das Wiener Publikum werthvollwaren, da die Absperrung Oesterreichs vom deutschen Dichterlebendem österreichischen Volke gar viel entzogen hatte von den intimenReizen unserer literarischen Entwicklung. Ich meinte durch einesorgfältige Jnscenesetzung diesen „Königs-Lieutenant" gefällig