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Kunst ehrlich ergebener Mann. Unser Streit war auch keinpersönlicher, er war ein Streit um Grundsätze. Alte und neueSchule stießen Hiebei hart an einander. Anschütz wollte nichtzugeben, daß die auf der Bühne Agirenden gar keine geselligeRücksicht aus das Publikum nähmen. Er fand es respectwidrig,daß sie dem Publikum sogar den Rücken zukehrten. Ich dagegenerklärte mich als Gegner dieser geselligen Rücksicht und be-hauptete, die Scene habe alle Rechte eines Gemäldes. Ich ver-wies auf große historische Bilder, welche ihre Größe einbüßenwürden, wenn alle Köpfe und Leiber eu kueo oder auch nurhalb 6v ku66 erscheinen müßten. So wenig im Conversations-stück die Schauspieler immer nach dem Publikum zugekehrtsprechen dürften — und dies sei ja ein charakteristischer Vorzugdes Burgtheaters, daß es den Eindruck wirklichen Lebens durchnatürlichen Verkehr auf der Bühne hervorbringe — ebensowenigdürfe das im großen historischen Stücke geschehen. Berufe mansich auf höheren Styl im höheren Stücke, wie Anschütz that, someinte ich das zurückweisen zu müssen. Steifheit und unwahreWendung möge Styl heißen, ich hielte dies aber für schlechtenStyl und glaubte auch Styl zu erreichen durch Ordnung undGesetz in der freien Bewegung.
Nach meinem Sinne eingerichtet, erschien denn die großeVolksscene auf dem Forum und machte eine electrisirende Wirkung.
Ich selbst wurde bei der ersten Vorstellung nicht viel gewahrvon dieser Wirkung, denn ein literarischer Freund zog mich ausder Loge und demonstrirte mir im Corridor, während dasPublikum im Saale sich für meine Jnscenesetzung erklärte, daßdies Alles nicht richtig wäre und dem wohlgeschulten WienerPublikum mißfällig werden müßte.
So wahr ist es, daß wir in diesem Leben jeden Erfolg bisauf Heller und Pfennig bezahlen müssen.