166
Dadurch gerade wird das Theater so wichtig für geistigeEntwicklung eines Volkes, daß es Anschauungen, Gedanken undFolgerungen in unerschöpflichem Maße auch an die große Zahlvon Menschen bringt, welche sonst weder Zeit noch Gelegenheithaben für solche Anschauungen, Gedanken und Folgerungen.Wer ermißt, wie viele Genies unter diesen Menschen befruchtetwerden durch ein Stück, durch eine Scene, durch ein Wort imTheater?!
Ueber dreißig neue Jnscenesetzungen brachte das Jahr 1850.Darunter „Medea", „Traum ein Leben", „Minna von Barn-helm", „Nathan", „Emilia Galotti", „Romeo und Julie",„Braut von Messina", „Fiesco", „Don Carlos", „Fesseln",„Gönnerschaften".
Von den neuen Stücken verdienen noch Lederer's „HäuslicheWirren" eine kurze Betrachtung. Sie haben wie seine „GeistigeLiebe" etwas Specifisches für die Wiener Welt.
Eine geringe Handlung, welche sich intim und behaglich ab-spinnt, ist in Norddeutschland nicht genügend, genügt aber inWien, wenn der Dialog unterhält. Und doch besteht ein fran-zösisches Stück mit geistvollem Dialoge in Wien nicht, sobaldihm eine hinreichende Handlung fehlt.
Wie kommt das? Die Art des Dialoges entscheidet. Derfranzösische mag noch so geistreich sein, er beschäftigt nur unserenVerstand, er beschäftigt nicht unseren ganzen Zuhörer. DerDialog Lederer's aber hat etwas Heimathliches. Lederer stammtaus Prag und hat lange in Wien gelebt. Er ist ganz andersals Bauernfeld, aber er hat mit diesem doch gemein, daß er ansunseren Gedankenkreisen seine heiteren Wendungen aufwachsenläßt. Wir sind also mit der Wurzel vertraut und jede Wendungerinnert uns an unsere geistigen Prozesse. So erscheinen unsdie Worte voller als einem Fremden; sie berühren hundertfachunsere Erinnerung, sie haben Etwas von unserer Geschichte.Und darin ist jedes Publikum egoistisch: das Eigene ist ihm vielinteressanter als das Fremde.
Lederer ist Jude, so viel ich weiß. Aber er ist österreichischerJude: die jüdische Witzesader, dem splitterrichtenden Talmud-wesen entspringend, ist nur die Veranlassung seines Witzes,der Inhalt seines Witzes ist ein österreichischer Inhalt, und deß-halb sagt er uns zu, und wir lachen behaglich über ihn. Diese