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man unbefangen jene Streitworte, welche man bei der erstenVorstellung am liebsten ausgezischt hätte.
Ich hatte auch jahrelang große Noth mit dem Ensemble desStückes: es zeigte immer bei den tumultuarischen Scenen grelleLücken. Ich mochte probiren so viel ich wollte, sie waren nichtzu stopfen. Ich wußte gar gut, woran das lag. Aber um demabzuhelfen, mußte ich einem alten verdienten Schauspieler dieRolle abnehmen. Er war in seiner Abhängigkeit vom Souffleurnicht im Stande, in stürmischen Scenen zur rechten Zeit ein-zufallen, denn der Lärm der Scene bedeckte die Stimme desSouffleurs, und auswendig die Worte zu behalten, vermochte erabsolut nicht. Immer hoffte ich, er werde durch öftere Vor-stellungen endlich der Worte Herr werden. Umsonst! Da gabich die Rolle in andere Hände, und nun gingen die Scenen vor-trefflich — ich aber wurde heftig gescholten von öffentlichenStimmen, daß ich die alten verdienten Künstler freventlich miß-handelte.
Die Aufgabe ist eine der schwersten auf dem Theater, großeTalente, welche alt geworden sind und dem Alter gemäß anGedächtniß, Organ und Beweglichkeit einbüßen, doch so zustellen, daß ihr Talent noch angemessen verwerthet wird. Esist mir mehrfach gelungen, diese Aufgabe annähernd zu lösen.Aber auch wenn es ganz gelingt, wird man doch keinen Dankernten, wohl aber Vorwurf und Anklage erleben, daß man dieAlten nicht jung gemacht, daß man das Ganze nicht dem Einzel-nen geopfert habe. Das muß man eben hinnehmen wie Regenund Wind.
Auf das dritte Shakespeare-Stück dieses Jahres lege ichkeinen Shakespeare-Werth. Es war „Die Komödie der Irrungen",ein altes, verbrauchtes Thema von Verwechslungen und Miß-verständnissen. Ich habe es denn auch wieder fallen lassen.Unser Publikum konnte mit Recht nichts Besonderes daran ent-decken, und man thut nicht gut, den Respect für einen großenPoeten wohlfeilen Zweifeln auszusetzen.
Der König von Preußen, Friedrich Wilhelm IV., war zumBesuche in Wien und verlangte gerade dieses Stück. Er warbekanntlich ein Shakespeare-Verehrer und pflegte auch im poli-tischen Gespräche in Shakespeare'scher Form zu sagen: „MeinSchwager Rußland schreibt so und so." Ich kannte seine