Buch 
Das Burgtheater : ein Beitrag zur deutschen Theater-Geschichte / von Heinrich Laube
Entstehung
JPEG-Download
 

383

des Künstlerlebens; wer sich ihr hingeben kann unbefangen undganz, der erhält sich den Zauber der Darstellung. An allesMögliche glauben, mitunter auch an das Unmögliche, das gehörtzum Odem eines Künstlers, welcher einen zuversichtlichen Ein-druck machen will durch seine Darstellung, durch seine Täuschung.Er soll uns ja täuschen, und je weniger er selbst an seinerWahrhaftigkeit zweifelt, desto besser täuscht er uns.

In dieser Zuversicht liegt die Hauptmacht der Frau Haizinger,und wenn dennoch ein Zweifel in ihr aufsteigt, ob wohl dieDinge, welche sie vorträgt, gar zu romanhaft seien, da lacht sieaus mit jener absoluten Ehrlichkeit und Ungebundenheit desLachens, daß alle Welt mitlachen muß. Wird dadurch auchmanchmal die romanhafte Täuschung zerstört, indem man daranerinnert wird, es sei ja doch Komödie, was man da vor sichhabe, nun, so läßt mau sich das auch gefallen, denn für an-steckende Fröhlichkeit ist Jedermann dankbar.

Ein anderes wichtiges Mitglied des weiblichen Personals,werthvoll für ältere Charakterrollen im Conversationsstück undim Lustspiele, kündigte mir gegen Ende des Jahres 1864 seinAusscheiden an. Es war Frau Fichtner. Ich hatte sie in ihrerJugendzeit wenig oder gar nicht gesehen, aber ich glaube voll-ständig der vielfachen Versicherung, daß sie eine interessanteLustspiel-Liebhaberin gewesen mit ihrem klaren Verstände undihrer sicheren künstlerischen Haltung. Ich weiß nicht genau, warsie die Braut oder war sie die junge Frau Fichtner's, als ich1833 zum erstenmale im Burgtheater war und dies blonde Paarzum erstenmale sah, ein Paar, so frisch und rosig wie der jungeMai. Im Publikum hörte ich lauter wohlwollende Bemerkungenüber das intime Verhältniß dieser beiden jungen Leute, dieHeirath des Fräulein Koberwein und Fichtner's war das all-gemeine Gespräch im Parterre. Zum erstenmale trat es mirdamals nahe, wie familienhast Publikum und Schauspieler imBurgtheater zu einander gehörten.

Die Vorzüge der späteren Frau Fichtner waren unscheinbar.Ich muß mir selbst vorwerfen, daß ich sie nur langsam bemerkthabe in ihrer ganzen Bedeutung. Sie waren solid und werth-voll. Klar vorbereitet über das ganze Stück und über ihre Auf-gabe in demselben kam die Dame auf die Probe; mit festenStrichen legte sie ihre Rolle an und führte sie dieselbe durch.