XXXVIII.
Die neuen Stücke, welche in den drei Jahren 1865, 1866und 1867 gegeben wurden, sind großentheils schon erwähnt beiGelegenheit der früher besprochenen Autoren. Ich habe alsovom kühnen „Wildfeuer", von der theater-romantischen „Pietra"und von der modern-romantischen „Katharina Howard" nur dieTitel anzuführen.
Doch nein! Bei „Wildfeuer" müssen wir verweilen, um dieschon angedeutete Halm'sche Richtung ganz zu charakterisiren.„Wildfeuer" ist ein Höhepunkt dieser Richtung, ein Höhepunktdessen, was eben die Literar-Geschichte „Kunstpoesie" nennt, undwas sie in allen Zeiten absondert von den Dichtern der Nation,ein Höhepunkt der talentvollen Unwahrheit. Ein erwachsenesMädchen hält sich für einen Mann, und ihr Liebhaber brauchtso und so viel Stationen, um zu entdecken, daß sie im Irrthumesei, er aber nicht mit seiner Neigung. Welch verkünsteltes Spielstarker poetischer Begabung!
Natürliche Poesie, nationale Poesie wird immer und wirdmit Recht höher gestellt, als diese Kunstpoesie. Jene strömt ausdem Herzen, der Kopf regelt sie nur. Kunstpoesie kommt ausdem Kopfe, und macht nur Zwangsanlehen beim Herzen. Sieerreicht mit diesen Anlehen höchstens ein wärmeres Colorit, nichtaber Herzenswärme.
Daraus erklärt sich's, daß unter Halm's früheren Stückendie besseren wohl rauschende Erfolge erringen konnten, daß ihnenaber eine ächte warme Theilnahme, eine erquickende Wirkung,die Zustimmung der Kritik und eine wirkliche Dauer versagtblieben. Sie stammten nicht aus den Gefühlen und Gedankenunserer Nation. „Griseldis", „Sohn der Wildniß" und dies„Wildfeuer" könnten gerade so wie sie sind englisch oder fran-zösisch geschrieben sein. Kunstpoesie braucht kein Vaterland,
Laube, Burgtheater. S. Ausl. SS