411
Schauspieler auch au ckien Vortrug hoher und ferner Dinge mitder geschulten Absicht gehen, Sinn und Bedeutung zunächst ein-fach und klar aufzufassen und dann erst an die Erhöhung desTons, an die Steigerung der Empfindung bis zu poetischer Höhevorzudringen. So kann auf unserem Wege die Darstellung auchdes erhöhten Dramas nur gewinnen, sie kann das wiedergewinnen,was durch unklares, oft sinnloses Declamiren auf den deutschenTheatern seit Jahrzehnten verlorengegangen ist.
Diese Probe mit „Brutus und Collatinus" war aber doppeltschwer, weil die verdienstliche Composition des Stückes an demUebelstande leidet, einen doppelten Stoff bezwingen zu wollen.Mit dem Tode der Lucretia und der Vertreibung der Tarquinierist im dritten Acte der Grundstoff erledigt, und doch geht dasStück noch an die Ausführung der ersten republikanischen Zeit,an den Rücktritt des Collatinus und an das Schicksal des Brutus,welcher seine eigenen Söhne dem jungen Staate opfert. Dafür,für einen zweiten Theil der Tragödie die Theilnahme des Pu-blikums noch rege zu erhalten — das ist eine sehr schwere Auf-gabe des Schauspielers und der Jnscenesetzung.
Wir haben die Aufgabe gelöst, wir haben die Probe siegreichbestanden: das Stück errang einen vollen, einen tiefen Erfolg.
So meinten wir denn höchlich zufrieden sein zu dürfen mituns, da erfuhren mir — es war im September —, daß allunser Arbeiten und Trachten für mißlich erachtet und geringgeschätzt würde. Ein neuer Wechsel in der obersten Directionschob zur Seite, was achtzehn Jahre lang mit so viel Eifer undso viel gutem Glücke erstrebt und erreicht worden war.
Erwarten wir, ob auch die Zukunft uns der Selbsttäuschungzeihen und ob sie bestätigen wird, daß der sorgsam gepflegteOrganismus eines dramatischen Kunst-Instituts wirklich etwasso Geringes ist, um wie ein Handschuh gewechselt zu werden.
Der bisherige Oberstkämmerer und als solcher oberster Directorder Hoftheater, Fürst Vincenz Auersperg, war gestorben; der neueOberstkämmerer hatte die Theaterleitung abgelehnt, und sie waran das Obersthofmeister-Amt übergegangen. Der Herr Oberst-hofmeister aber hatte ebenfalls gewünscht, nicht unmittelbar mitdem Theater in Berührung zu kommen, und um diesem Wunschezu genügen, war eine neue Stelle geschaffen worden. Sie hießIntendanz, und in diese Stelle war als Intendant Freiherr v.