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durch einen Botenläufer ersetzt werden könne. Er spricht zuAllem mit, aber er gewinnt nirgends einen Einfluß auf dieHandlung. Hier stehen wir eben vor einem innersten Gebrecheneiner „Historie", welche den Vorgang in Begebenheiten und Ge-schehnissen vorüberführt, und nicht in Entwickelung der handelndenPersonen. Und deßhalb haben die Schauspieler einen so trost-los schweren Stand in solcher „Historie", deßhalb hat die Jnscene-setzung solch einer Halbform vor allem Uebrigen darauf zu achten,daß die ohnehin in die leere Luft sprechenden Schauspieler nichtauch noch breit und redselig zu sprechen haben. Herr Bau-meister, welcher den Bastard zuerst gut spielte, war zuletzt ohneAthem, Stimme und Wirkung, die leere Luft hatte Alles verzehrt.
Das Stück ist reich an Stoff und Gegensätzen und Charak-teren. Eine talentvolle Bearbeitung, welche sich zu Veränderungenim Gange entschließt, zu sichtlicher Motivirung in der Scenen-folge, könnte wohl ein Repertoirestück für unsre Bühne gewinnenaus dieser bloßen Historie.
Am Schlüsse der Saison brachten die Schauspieler endlichder Direction eine Vorstellung zu Hilfe, welche die warme Theil-nahme des Publikums gewann. Sie hatten für sich das Frag-ment von Grillparzers „Esther" studiert, und gaben es im Opern-theater zum Besten eines Wohlthätigkeitszweckes. Es fand enthusia-stische Aufnahme, und ging dann in's Burgtheater über.
Wir hatten schon vor Jahren Grillparzer die Erlaubniß ab-gerungen, dies Fragment aufzuführen. Sehr ungern gab er sie.Er liebt es nicht mehr, an die Oeffentlichkeit gezogen zu werden, undwar herzlich froh, als die Besetzung Schwierigkeiten zeigte, und dasUnternehmen liegen bleiben mußte. Eine Schauspielerin nämlichhatte sich die Rolle der Esther von ihm erbeten, welche ich unge-eignet fand für diese Aufgabe; er aber wollte sich den Aergererspart sehen, sein halb gegebenes Versprechen zurück zu nehmen.
Jetzt war dies Hinderniß veraltet, die Schauspieler beriefensich auf die frühere Erlaubniß, und wir sahen im Opernhauseden Vorhang aufgehen zu dem zweiactigen Drama, ihm, demalten Herrn, zur Sorge, uns Allen zu großer Freude. Trotzder Mittagszeit war das Opernhaus voll. Die Wiener wissenes zu schätzen, wenn ihr größter Dichter eine Spende zuläßt,und sie hörten, sie hörten in einer Stille, daß auch nicht eineSylbe verloren gehen konnte.