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Am Hofe zu Susa sind alle Parteien in Verwirrung, weilsich der König von seiner eigensinnigen Gemahlin geschieden hat.Was sollen sie thun? Was wird geschehen? Auf welcher Seiteist Gewinn zu erwarten? Letzteres fragt besonders Haman,ein hoher Staatsbeamter, ein Musterbild von diplomatischerVorsicht und Eigennützigkeit. Sich nirgendhin vergeben, Alleseinleiten, für gar Nichts Verantwortlichkeit übernehmen, fürAlles aber sich den Lohn sichern, wenn der Erfolg eintritt —das ist sein Wesen, reiflichst vom Dichter gezeichnet, reiflich vonLewinsky dargestellt. In diesem Sinne hat Haman veranstaltet,daß die schönsten Mädchen des Reichs an den Hof gebracht unddem Könige zur Wahl vorgestellt werden. Er wird ja dann dieneue Königin geschaffen haben, und allen Dank ernten.
Der König dagegen hat in einer großen Rede — meister-haft vorgetragen von Sonnenthal — sich zornig ausgesprochen,daß er bei all seiner Macht ein Sclave seiner Sclaven wäre,denn er müßte durch ihr Auge sehn, durch ihr Ohr hören, undsie zeigten und böten ihm stets Falsches, sie suchten ihren Vor-theil, nicht das Wohl des Volkes, nicht das Wohl des Königs,welcher wirkungslos sei mit aller Liebe und mit allem Dränge,seine Liebe zu bethätigen.
Bei dieser Stimmung hat die bloße Mädchenschau wenigAussicht auf eine Wahl. Ja, der Unmuth des Königs wirddurch dieselbe nur gesteigert, und zu Hamans Verzweiflung willer auch das letzte Mädchen von dannen schicken — da gewahrter, daß dies Mädchen selbst gar nichts Anderes will, als fortgeschicktzu werden.
Es ist Esther, eine Jüdin, natürlich, klug, fast weise. —Diese Weisheit wäre eine Gefahr für den Charakter des jungenMädchens, wenn der Dichter nicht ein Poet ersten Ranges ist.Grillparzer hat seine größte Kraft darin bewiesen, daß die RedenEsthers nur an Weisheit streifen, und mit der Jugend vereinbarsind. Sie entspringen nicht aus bewußter Erfahrung, sie ent-springen aus einem glücklich begabten Naturell, welches nebenMardochai, einem jüdischen Philosophen, aufgewachsen ist. Estherhat Logik eingesogen ohne Absicht, und so ist sie jetzt verständigvor dem Könige ohne Absicht, und da sie übrigens gut undliebenswürdig, und da der König ebenfalls gut und liebens-würdig, so finden sich in einer langen Scene — ein Meister-