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Erster Abschnitt. 8 I.
Lehre von dem Ablaß der Sünde durch äußere Werke seinen Ver-stand wie sein Gemüth gleichmäßig beleidigte. Mit pharisäischerWerkheiligkeit, mit Erfüllung äußerer Pflichten, pünktlicher Beobach-tung kirchlicher Vorschriften die Sündenlast abzukaufen, erschienihm frivol und der strafende, zürnende Gott des alten Bundes er-schreckte ihn. Die harten Bußübungen, mit denen er im KlosterLeib und Seele Tag und Nacht kasteite, gaben ihm keinen Trost,denn immer standen die Worte vor ihm: „Die Gerechtigkeit Gottesdas ist der Zorn Gottes". „So oft ich", sagt er, „diesen Spruchlas, wünschte ich alle Zeit, Gott möchte das Evangelium nichtoffenbaret haben. Denn wer könnte den Gott lieben, der da zür-net, richtet und verdammet?"
Kämpfe ähnlicher Art hatten von jeher die großen Geister derChristenheit beschäftigt, aber keinen mehr als Augustin. Derhatte nach einem wilden, schwer bewegten Leben voll Verirrnngenund Fehltritten endlich in einem Glauben innere Beruhigung ge-funden, den er dann in einen: Dogma von der äußersten Strengeausprägte und dies augustinische Dogma von der alleinigen Recht-fertigung des Menschen durch den Glauben und durch die WahlGottes, wenn dieser Glaube der rechte und vollkommene sei, wirktejetzt auf Luther mächtig ein. Die höchst eigenthümlichen Denkerder mystischen Schule des 14. und 15. Jahrhunderts hatten dasauch gesagt, auch sie hatten nichts von den äußeren Werken undAlles von der inneren Heiligung des Menschen erwartet, und soalle die anderen bedeutenderen Geister der früheren Zeit. UeberNichts hat er sich häufiger ausgesprochen, als über die Umwand-lung, die sich mit dieser Erleuchtung in seinem Innern vollzog.Ewig dankt er es dem treuen Gönner Stäup itz, der ihm aufden rechten Weg verhelfen, und unermüdlich kommt er auf dieSeelenqual zurück, aus der ihn diese Einsicht gerettet.
„Als ich", sagt er an einer der vielen Stellen, „den Wortengerecht und Gottes Gerechtigkeit, vor denen ich erschrack, wenn ichsie hörte, fleißiger nachzudenken begann und erwog, daß die Ge-rechtigkeit, die vor Gott gilt, ohne Zuthun des Gesetzes offenbarwird, da ward ich anders gesinnt und dachte von Stund an:Sollen wir gerecht werden aus dein Glauben, soll die vor Gottgeltende Gerechtigkeit selig machen Alle, die daran glauben, sowerden solche Sprüche die armen Sünder und erschrockenen Ge-