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Anhang.
einmal im Fall eines Krieges jede Gefahr von seinem Lande ab-wehren, dann aber ganz besonders ihm, der durch den 30 jährigenKrieg an Land und Macht bedeutend verloren und der dieseWunde nie ganz verschmerzt, unter französischem Schutz ein mäch-tigeres Fürstenthum verschaffen, ihn zum Mindesten mit den Spo-tten, die er verloren, aber vielleicht auch mit einigen weiterenbereichern werde.
Selten hat sich bei einem sonst tüchtigen deutschen Manneein Abfall von der eigenen Natur, von den sonst bewährten Grund-sätzen, schwerer gerächt als hier.
Was eine Bürgschaft dafür hatte werden sollen, daß dermächtige Nachbar im Westen fortan dies Land als ein befreundetesbetrachten werde, das eben wurde der Vorwand oder Grund, diesLand mit entsetzlicher Barbarei zu verheeren, und es in eine wüsteBrandstätte zu verwandeln. Der Kurfürst hat nur noch dasVorspiel jener furchtbaren Verwüstungen in dem Krieg von 1674und 1675 erlebt. Damals war es Türenne, dessen Vorfahreneinst als verfolgte Hugenotten hier in Heidelberg ein freundlichesAsyl gefunden hatten und der jetzt als Mordbrenner durch dasLand zog. Der Kurfürst war außer sich, wie eine tödtliche Be-leidigung seiner Person faßte er diesen Frevel auf, persönliche Ge-nugthuung wollte er haben, und so kam es, daß er, wie bekannt,Türenne zum Duell herausfordern ließ.
Ich brauche nicht zu sagen, mit welchen Empfindungen „LifeLotte", so hieß sie im kurfürstlichen Hause, dem Gedanken dieserHeirath nachgab. Es war eben die Zucht und Art der gutenalten Zeit, daß von Empfindungen, von irgend welchen berechtigtenoder unberechtigten Neigungen hier 'Nichts galt, daß nur dieAutorität des Vaters entschied. „Ich bin halt das Opferlammgewesen", sagte Elisabeth Charlotte später. Ja, wenn dies Lammwenigstens das Opfer vom Lande abgewendet hätte, aber hier sollteman erleben, daß gerade ihr Name, ihre Abstammung zum schänd-lichen Vorwand einer neuen Verwüstung ihrer Heimath diente.
Neunzehn Jahre alt wurde sie 1671 mit dem Bruder Lud-wig's XIV., dem Herzog von Orleans, vermählt.
Alles was ihr theuer war, mußte sie aufgeben, die Heimath,an der ihr Herz hing, den Glauben, für den ihre Ahnherren ge-litten, die Gewohnheiten des Lebens, Denkens, Empfindens. Es